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Das Unausgesprochene hinter dem Gesagten

Teil 1    Nachdem ich euch in meinem letzten Blogeintrag vom Austausch zwischen meinem Mann und mir vorgeschwärmt habe, möchte ich heute über die Nachwirkungen, die dieser Beitrag bei mir hatte, berichten. Wie immer, wenn ich etwas schreibe, gärten die Worte auch dieses Mal in mir.
Ich fragte mich, wie gut ich eigentlich wirklich innerhalb meiner Familie kommuniziere.

Klar, mit meinem Mann bin ich „redetechnisch“ auf einer Linie. Wir reden gerne und viel und bekommen nicht genug davon – und meist sind wir uns am Ende auch noch einig.
Gute Voraussetzungen für das nächste Gespräch.
Das geht mir nicht mit allen Familienmitgliedern so.

Der Austausch mit meinem Hamburger Beutejung läuft nicht so flüssig.
Er ist, was den Gebrauch von Worten angeht, auch tatsächlich eher ein norddeutsches Deichkind.
„Moin.“ geht klar, „Moin, Moin.“ ist bereits gesabbel. Viele Worte und Erklärungen sind nicht sein Ding.

Wir beide sind aus unterschiedlichen Hölzern geschnitzt. Jetzt könnte man sagen: „Klar, er hat ja auch eine andere Mutter!“ und glaubt mir, ich habe dieses Argument inflationär angewendet, wenn es zwischen uns beiden schwierig wurde.
Einander näher gebracht hat uns das nicht – im Gegenteil!

Hamburger Jung

Mein Hamburger Beutejung macht lieber und probiert aus, während ich erst einmal ein Buch lese, bevor ich Neuland betrete.
Er traut sich scheinbar alles was er anfängt zu und seine innere Stimme sagt ihm verlässlich, zu was er keine Lust hat.
Ich gehe zwar auch meinen Weg, aber immer mit Herzklopfen, ob ich auch wirklich auf dem richtigen Pfad bin und dabei denke ich darüber nach, wie die anderen wohl diesen Weg finden würden.
Er vollbringt artistische Leistungen mit dem Ball und ist in seinem Fussballverein ein bewunderter Stürmer. Ich bin bei den Bundesjugendspielen mit dem Schlagball fast an der Hürde des Mindestmaßes gescheitert und flüchte aus dem Tor, wenn der Ball kommt.
Er isst gerne Fleisch, ich würde unsere Familie gerne vegetarisch ernähren.
Ich lese (selten) Rilke, er hört Rin.
Gut, fängt beides mit R an und ihr fragt euch bestimmt schon, was das nun mit unserer beider Kommunikation zu tun hat, außer, dass Rilke die Gesetzmäßigkeiten der Metrik ohne Zweifel besser beherrscht als Kollege Rin?

Wenn mein Hamburger Jung und ich uns austauschen, starten wir fast immer von unterschiedlichen Standpunkten.
Unsere inneren Welten sehen anders aus und von dort aus schauen wir nun mal aus unseren Augen.

Schule fürs Leben

Wir haben unser gelebtes Leben immer mit dabei. Nun bin ich schon etwas länger auf der Welt als mein Beutekind, ich habe also viel Leben im Gepäck und manches davon schleppe ich immer noch mit, obwohl ich es längst schon durch funktionaleres hätte ersetzen können.

Ich habe zum Beispiel einen echten Minderwertigkeitskomplex, weil ich „nur“ auf der Realschule war.
So nun steht er da, mein Komplex.
Schwarz auf Weiß und für alle zu lesen. Wow!

Es ist wirklich unglaublich, ich bin 48 Jahre alt, habe viel in meinem Leben erreicht, erkläre mir und anderen manchmal sogar ein bißchen die Welt und bin auch noch gesund, glücklich und zufrieden.
Und trotzdem schreibe ich diesen einen Satz mit Herzklopfen und denke darüber nach, ob ich das wirklich öffentlich machen möchte.
Ja, ich will oder sagen wir, ich muss – sonst macht dieser Blogeintrag einfach keinen Sinn.

*1977 Das Geburtsjahr meines Minderwertigkeitskomplexes

Die Herkunft meines Komplexes ist schnell erklärt.
Als ich von der Grundschule auf die weiterführende Schule wechseln sollte, war dies in Baden-Württemberg mit einer Empfehlung der Grundschule verbunden. Was darin stand war Gesetz und bestimmte für alle 4 Klässler, welchen Abschluss sie in 4, 6, oder 8 Jahren machen würden.
Die Basis dieser Grundschulempfehlung errechnete sich aus dem Notendurchschnitt des Zeugnisses und mehreren zu schreibenden Klassenarbeiten, deren Wichtigkeit uns Zwergen zuvor eindrucksvoll erklärt wurde.
Die Aufregung war groß und ich weiß noch, dass ich in der jeweiligen Nacht zuvor nicht schlafen konnte.

Ich würde mal sagen, dass man in meiner Heimat zu dieser Zeit auf ein leistungsorientiertes pädagogisches System setzte und es da unten im Süden der Republik immer noch in großen Teilen tut. Die meisten sind sogar Stolz darauf.
Meine Nerven hielten diesem System nicht Stand.
Ich verhagelte erst zwei der Arbeiten und bei der Nachprüfung lief es auch nicht viel besser.
Jeder in meiner Klasse wusste sehr genau, was die Empfehlung der Grundschule für ihn und seinen Status in der Gesellschaft bedeutete – da machten auch alle keinen Hehl draus!
Hatte man es „nicht geschafft“ wurde man mit etwas Glück mit Sätzen wie „Auch fleißige Handwerker können heutzutage gutes Geld verdienen.“ oder „Mit einem guten Realschulabschluss kannst Du sogar eine Banklehre machen!“ getröstet.
Mein Vater hatte einen besonders schönen Satz auf Lager, um mich zu trösten:
„Für Mädchen ist ein hoher Schulabschluss nicht so wichtig. Du willst doch eh heiraten und Kinder!“
Mensch, stimmt ja!
Da ist ein bißchen doof sein gar nicht mehr so schlimm und unser Land braucht ja schließlich nicht nur Wissenschaftler und Chefs. Ein paar Befehlsempfänger brauchen wir doch auch; beispielsweise Handwerker, Angestellte oder eben finanziell abhängige Ehefrauen.

Ich kam also mit allen anderen Mittelmäßigen auf die Realschule und hatte von da an einen Komplex im Gepäck und vor jeder Klassenarbeit Versagensängste.

Mein Komplex wird „größer“

Später lernte ich bei wichtigen Prüfungen wie verrückt, um diese Angst im Griff zu behalten.
Man könnte daraus schließen, dass das doch ein prima Ergebnis dieses Systems sei: „Erfolgreich alle anschließenden Abschlüsse und Herausforderungen gemeistert.“
Aber der Preis ist bis heute hoch.
Denn unter all‘ dem Erfolg ist immer noch eine wackelige Basis, das Gefühl es nicht geschafft zu haben und ein bisschen zu blöd zu sein, um in der oberen Liga mitspielen zu dürfen.

Diese Erfahrung gehört zu meiner Welt. Manchmal wackelt mein „Bildungsboden“ immer noch unter mir und ich muss mich ganz bewusst auf sicheren Boden stellen.

Diese Erfahrung aus meinem Leben kostet mich so viel, weil der Maßstab der Erziehung in den 70er Jahren im Wesentlichen im Außen lag.
Es gab immer ein „Richtig“ oder ein „Falsch“ – die Definitionsmacht lag natürlich bei den Eltern, Pädagogen und allen anderen Erwachsenen.
Wurden wir bei Freunden oder Großeltern abgeholt, versicherten sich unsere Eltern bei den selben, ob wir auch „schön brav“ waren.
Es war ihnen glasklar, dass Wut selten gut tut – zumindest bei Kindern und dass, wer schreit unrecht hat – dies galt vorrangig auch für alle unter 18.
Alle Großen wußten besser als wir Kleinen, wann uns kalt war, wann wir etwas essen sollten und wie viel davon oder auch wann wir müde waren.
Davon abgesehen, dass so mancher Elternteil auch noch zur schlagkräftiger Durchsetzung seiner Argumente griff und Hausarrest völlig normal war. Außer man war in einer Kommune geboren und wurde antiautoritär erzogen. Dies war aber, zumindest außerhalb von Berlin, doch eher selten der Fall.

Erziehung ohne Selbstwert

Das Ergebnis der früheren Erziehung war, dass wir Kinder natürlich nur gute, brave und rundum geliebte Kinder waren, wenn wir alles richtig machten, auch in der Schule.
Die meisten von uns funktionierten früher oder später, denn es reichte schon am falschen Ort irgendein Gefühl etwas lauter zum Ausdruck zu bringen oder schlechte Noten zu schreiben, um eben nicht „brav und lieb“ zu sein. Oft stand dann gleich das ganze Kind im Zweifel.
Ein ehrlicher Blick auf die heutige Elterngeneration zeigt, dass das auch bis heute noch viel zu häufig der Fall ist!

 


Um ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln,
sind im Wesentlichen zwei Punkte wichtig:

1. Wir brauchen mindestens eine in unserem Leben wichtige Person, die uns „so sieht“ und anerkennt, wie wir sind.

2. Wir dürfen erleben, dass wir für andere Menschen so, wie wir sind, wertvoll sind.

Jesper Juul


 

Wäre mein Selbstwertgefühl zu diesem Zeitpunkt genug genährt gewesen, hätte ich meine Schulempfehlung wohl besser weggesteckt.
Nach dem Motto: „Ihr wollt meine Leistung bewerteten? Nur zu! Das schadet mir nicht und ich gehe meinen Weg, egal welchen ihr für mich vorseht.“
Nur leider hatte ich nicht das sichere Gefühl, dass ich auch mit diesem „Mangel“ immer noch okay bin.*

Irgendwann ist die Hebamme nicht mehr schuld

Es geht mir hier nicht um irgendwelche Schuldzuweisungen – Schuld und Sühne gehören nun wirklich in die Kirche – es geht mir um die, zugeben etwas verkürzte, Erklärung warum mich dieses Erlebnis so sehr erschüttert hat, dass ich es immer noch mit mir rumschleppe.

Heute weiß ich als Mutter, wie schwer es ist, die eigenen Kinder so zu sehen, wie sie sind (!) UND das Gesehene nicht verändern zu wollen (!) UND als wertvoll zu empfinden (!).
Keine leichte Aufgabe!
Und Beutekinder? Wie steht es mit denen?
Fehlende Bindungshormone machen den Job nicht leichter!

 

Lest im nächsten Teil, welche Rolle mein Komplex in der Kommunikation zwischen meinem Hamburger Beutejung und mir spielte.

 

 

*Jesper Juul definiert Selbstwertgefühl als unser Wissen und Erleben davon, wer wir sind und wie wir dazu stehen. Selbstwertgefühl ist die existentielle Dimension unseres Lebens.

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