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Nicht nur die alte Wohnung sollte besenrein zurück gelassen werden…

Innenreinigung

In meinem letzten Blog-Eintrag ging es darum, die Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch dann nicht, wenn ihr Leben durch unsere Entscheidung zusammenzuziehen ins Wanken kommt. Um in guter Beziehung zu sein – also seine Kinder zu sehen und zu spüren und sie dadurch auch im Gespräch oder, wenn sie noch sehr klein sind, durch Körperkontakt zu erreichen, braucht es vor allen Dingen eines: Wir müssen uns selbst spüren.

Es klingt banal aber wenn ich selbst keinen Halt habe, kann ich auch keinen geben.
Wenn ich hingegen weiß, wie es gerade in meinem Inneren aussieht und mir regelmäßig für diese „Introspektion“ Zeit nehme – und das vor allen Dingen dann, wenn ich sie nicht habe – kann ich zumindest immer kleine Inseln der Ruhe und im besten Fall auch mich selbst finden.
Dann kann ich spüren, was ich für mich brauche, um im neuen Heim anzukommen, was mir vielleicht Angst macht oder auf was ich mich freue und bekomme meine innere Welt Stück für Stück klarer.
Es geht also gar nicht so sehr darum, dass es uns immer gut geht und wir die/der ausgeglichenste Mutter/Vater unter der Sonne sind, sondern dass wir wissen „wie“ es uns geht.

Wenn wir gut bei uns eingecheckt sind, können wir auch gut für uns sorgen und im Anschluss für unsere Lieben. Man(n), und vor allen Dingen Frau, beachte die Reihenfolge, denn sie ist entscheidend!
Sie ist genau wie im Flugzeug, wenn der Druck in der Kabine abfällt. Erst sich selbst die Maske auf die Nase und dann den Kindern und anderen Hilfsbedürftigen.
So funktioniert es auch in familiären Notsituationen: Spüren was der Druck mit mir macht, zehn tiefe Atemzüge und dann kann ich mich, ganz ohne Schnappatmung, um die Anderen kümmern – und mich dabei auch nicht aus den Augen verlieren.

Die Ergebnisse dieser Introspektionen sind im Übrigen nicht nur für einen selber erhellend, sondern auch eine äußerst wertvolle Grundlage für die neue Partnerschaft.
Solange wir verliebt sind, hat man ja auch noch ganz gute Chancen, dass der andere an uns und unseren Erkenntnissen interessiert ist 😉

 

Der Neustart in die Zukunft gelingt mit einem realistischen Blick in die Vergangenheit

Ob unser jetziges Herzblatt allerdings auch an folgender innerer Arbeit Interesse zeigt ist fraglich. Damit die Zukunft gelingt braucht es nämlich einen realistischen Blick auf unsere vergangene Beziehung mit dem Ex.
Ja, ich weiß, der Gedanke ist ungefähr so reizvoll, wie eine bevorstehende Wurzelbehandlung. Aber danach sind die Schmerzen im Zahn weg; dieser ist dann allerdings auch tot, bekommt aber ein hübsches Krönchen.
Eine Krone bekommen wir für diesen Blick in den Rückspiegel leider nicht aber wenn wir die alten Verletzungen und Konflikte unausgepackt im Umzugskarton in den Keller des neuen Heims stellen, geht das mit ziemlicher Sicherheit schief.

Meinen Ex-Partner werde ich los, die Mutter bzw. den Vater meiner Kinder nicht.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Was das allerdings wirklich bedeutet und wie viel Einfluss diese Tatsache auch auf die neue Patchworkfamilie hat, wird uns oft erst Stück für Stück klar.
Aus meiner Beratungspraxis weiß ich, dass der meiste Ärger in Patchworkfamilien aus nicht aufgearbeiteten Konflikten der vergangenen Beziehung resultiert.
Wer immer noch seine Wunden leckt ist, zutiefst gekränkt oder verärgert ist, ist wenig kompromissbereit, wenn man als Eltern gemeinsam Dinge klären muss oder wichtige Entscheidungen anstehen.

Der Blick in den Rückspiegel

Um also nicht vor jeder Begegnung mit dem Ex Bauchschmerzen zu haben und sich auf ewig in destruktiver Weise gegenseitig zu beweisen, dass der jeweils andere Schuld ist, ist es lohnenswert sich Fragen wie die folgenden zu stellen:

  • Ab wann wurde es schwierig zwischen uns und an welchem Punkt haben wir uns verloren?
  • Welche Vorwürfe stehen im Raum und warum?
  • Warum kämpfe ich und/oder mein Partner so sehr?
  • Habe ich meinen Ex-Partner wirklich geliebt?
    Ist er vielleicht verletzt, weil er gespürt hat, dass er oder sie letztendlich nie die erste Wahl war?
  • Was brauche ich, um meinen Ex-Partner als Mutter/Vater meiner Kinder anzuerkennen?
    etc.

Das ist hartes Brot. Bevor man es allerdings zu jeder Mahlzeit auf dem Tisch hat, ist es besser die Reste lieber gleich gut zu verwerten.
Wenn ich verstehe wie und warum unsere Probleme entstanden sind, kann ich in der Regel auch Lösungen finden oder zumindest Konflikte vermeiden.

Für einen solchen Fragenkatalog braucht man – wer hätte es gedacht – Zeit und vor allem auch Zeit mit sich allein.

Einer ist besser als Keiner

Selbst wenn nur einer aus der ehemaligen Paarbeziehung für diese Rückschau bereit ist, hilft es allen. Wenn ein Ex-Partner im „System“ sein Verhalten ändert, weil er zum Beispiel eine entspanntere Haltung bei einem Konfliktthema einnimmt, erleben das alle und dann ist Veränderung möglich.
Es ist ein bisschen wie bei einem Uhrwerk, wenn ein Zahnrad das Tempo oder die Richtung ändert, können die anderen nicht weitermachen wie bisher.

 

Getrennte Spielfelder

Sind gemeinsame Gespräche mit dem Ex-Partner schwierig, gibt es auch dafür einen Grund:
Mindestens einer der Beiden fühlt sich missverstanden und nicht wertgeschätzt.
Und mal ehrlich, für die meisten Konflikte bräuchten wir unseren Ex-Partner gar nicht – wir könnten die Show auch ohne ihn aufführen. Fast alle destruktiven Streitereien in ehemaligen und auch aktuellen Liebesbeziehungen führen uns an der Nase im Kreis herum. Wir kennen die Argumente des Anderen und er kennt unsere. Wir können uns seine Antworten auf unsere Vorwürfe selbst geben. Dieses alte Spiel kann man bleiben lassen. Es bringt uns nicht einen Millimeter voran und Spaß macht es auch keinen!

 


„Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht,
ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen.“

Konfuzius (551-479 v. Chr.)


 

Um aus diesem Kreislauf einen Ausweg zu finden ist Beratung und eine gute Trennungsbegleitung oft eine große Hilfe. Manchmal auch der einzige Weg. Hier erweitern wir unseren Blickwinkel durch die Sicht eines Dritten und können die Konflikte und Themen anders beleuchten und im besten Falle lösen.

Hier geht es nicht darum herauszufinden wer Schuld oder Recht hat, hier geht es vielmehr darum einen gemeinsamen Weg für die Zukunft zu finden. Z.B. wie schaffen wir es gute Eltern zu sein auch wenn wir kein Paar mehr sind.
Oder, falls der Partner keine gemeinsame Beratung will, wie schaffe ich es trotzdem ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein, und aus destruktiven Prozessen auszusteigen.
In beiden Fällen, müssen wir die alten Konfliktthemen anschauen, sortieren und so manches bereinigen.

Selbst wenn man es nicht schafft, alle Streitpunkte aus dem Weg zu räumen, ist es im Anschluss leichter, bei sich und in seiner Spielfeldhälfte zu bleiben und den anderen in seiner Hälfte eigene Regeln aufstellen zu lassen.

 

Denn nach einer Trennung spielen nicht mehr beide Elternteile über das ganze Spielfeld – die Mittellinie ist ab jetzt die Grenze!

 

Sind die Kinder beim anderen Elternteil, bestimmt er auch, was in seiner Hälfte gespielt wird.
Das ist für manche kaum auszuhalten.
Da ist ein guter Austausch für alle Beteiligten wichtig und beruhigend!
Denn natürlich müssen, wie gesagt immer noch gemeinsame Entscheidungen getroffen werden:

  • Welche Schulform?
  • Wann werden unsere Kinder gegen was geimpft?
    etc.

Um trotz Trennung einen gemeinsamen und guten Rahmen zu finden, braucht es also diese Art der Aufarbeitung. Dann herrscht auch im neuen Heim mehr Harmonie.

 


„Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!“

Pipi Langstrumpf


 

 

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