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Familie Plus = Familie + Patchwork + Bonus

Ein neuer Artikel mit Katharina Grünewald und Claudia Hillmer in der Zeitschrift Hausarzt für alle Patchwork- und Bonuseltern

Rechtzeitig zum Wochenende kommt hier neuer Lesestoff für alle Patchworkfamilien und Bonuseltern – also ab auf die Couch!

Im neuen Patientenheft des Hausarztes kommen Katharina Grünewald und ich als Patchwork-Expertinnen zu Wort – und die Mitglieder der Familie Türling.

Titelbild Patientenheft des Hausarztes

Im neuen Heft „Hausarzt“ kommen Katharina Grünewald und Claudia Hillmer als Patchwork-Expertinnen zu Wort.

Ich durfte die Türlings ein Stück auf ihrem Weg als Patchworkfamilie begleiten. Im Anschluss an den Beratungsprozess, wurde ich sogar zur Hochzeit von Catharina und Fred eingeladen – auf Wunsch der Kinder. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen! ☺️

Viel Spaß beim lesen!

 

Familie Plus

Wenn sich Eltern trennen und wieder neu verlieben, ändert sich für alle Beteiligten das Miteinander. Zwei Expertinnen erklären, wie eine Patchworkfamilie gut funktionieren kann, wenn die Gefühle Achterbahn fahren.

Patchworkfamilie, „das ist schon ’ne echte Challenge“ sagt Paula Türling aus Hamburg und lacht. Wenn einer das beurteilen kann, dann wohl sie: Als sich vor acht Jahren ihre Eltern trennten, hatte Paula plötzlich zwei Zuhause. Erst wohnte die beute 16-Jährige vorwiegend bei ihrer Mutter, „dann Hälfte-Hälfte“. Schließlich zog Paula, als ihr Vater seine „Cathie“ mit ihren vier Kindern heiratete, ganz zu ihm in die Villa Kunterbunt. Dort war immer viel geboten – Geborgenheit und Familienkrach inklusive.
Heute sitzt Familie Türling beim Fototermin entspannt auf dem Sofa. „Zwei konnten terminlich nicht, aber alle sind einverstanden“, sagt Catharina Türling.

Familie Türling aus Hamburg

Schwein gehabt – zwei Familien, ein Zusammenhalt! Paula, Carlo, Oskar, Vater Fred, Mutter Catharina (von links nach rechts) und Joshua (vorne)

Solche Harmonie war in dieser Familienkonstellation nicht immer selbstverständlich, gibt die 51 jährige Norddeutsche zu. lhre Tränen darüber sind jedoch längst getrocknet, „‚wir haben uns zusammengerauft, weil wir viel miteinander reden.“ Genau richtig. Denn wenn sich der Vater oder die Mutter neu verlieben, werden die Karten für die ganze Familie neu gemischt: Leibliche Eltern müssen plötzlich mit Stiefkindern auskommen, Kinder sich mit Stiefvater, Stiefmutter und Stiefgeschwistern arrangieren, oder langjährige Singles finden sich am Tisch einer mehrköpfige Familienbande wieder. „Für alle Beteiligten ist das eine große Herausforderung“, sagt Katharina Grünewald. Die Diplom-Psychologin aus Köln berät Patchworkfamilien und kennt deren typischen Probleme: „Jeder muss erst wieder seinen Platz finden.“

Gemeinsam Kompromisse finden

Ob das neue Miteinander auf Dauer funktioniert, zeichnet sich erst nach einer gewissen Weile ab. „Am Anfang klappt es meist noch recht gut“, sagt Claudia Hillmer. Die Familientherapeutin aus Hamburg erklärt: „Alle nehmen Rücksicht aufeinander, vergleichbar mit einem Urlaub, den man mit Freunden in einer Ferienwohnung verbringt.“ Das Problem: Die Ferien enden nie. Irgendwann stresst es, dass die Stiefmutter nur vegetarisch kocht, die Stiefschwester die Badezimmertür nie schließt oder sich der Neue von Mama schludrig kleidet. Ob Essenszeiten, Ordnung, Hygiene oder Umgang mit Konflikten: „Es prallen verschiedene Vorstellungen von Alltag aufeinander“, sagt Hillmer. „Die gilt es neu zu verhandeln.“ Gut findet sie, wenn das in regelmäßigen Familienkonferenzen geschieht und sich so Kompromisse finden lassen, „die einfach aus Gelb und Blau Grün machen.“

 


„Die Chemie in der neuen Familie hat für mich von Anfang an gestimmt. Man muss da positiv rangehen!“

Oskar


Vergangenes zu hinterfragen, alte Verletzungen aufzuarbeiten oder ganz außen vor zu lassen, das legt die Familientherapeutin aus der Hansestadt besonders dem ursprünglichen Elternpaar ans Herz: „Es ist viel gewonnen, wenn die ehemaligen Partner ihre Trennung gut hinbekommen und keiner nachtritt.“ Auf dieser Basis kann das Ex-Paar weiter für das wohl gemeinsamer Kinder sorgen. Zum Beispiel zusammen das Modell zu entwickeln, wer bei wem wohnen soll – idealerweise ganz ohne Druck. „Kinder sollten sich auch trauen dürfen, etwa von der Stiefmutter zu erzählen, ohne sich Ärger der eifersüchtigen Mutter einzuhandeln.“

 


„Ich empfinde heute meine Patchworkfamilie als eine Riesenbereicherung
in Sachen Gelassenheit und Toleranz.“

Catharina Türling


 

Bei aller Rücksichtnahme auf den Nachwuchs darf jedoch die Selbstfürsorge nicht zu kurz kommen. „Gerade Frauen stellen zu Beginn einer Patchworksituation ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an“, weiß Therapeutin Grünewald. Sie übernehmen ungefragt und selbstlos neue Aufgaben, richten etwa den Kindergeburtstag aus oder bringen die Kleinen des Partner jeden morgen zur Kita – auch wenn sie dazu eigentlich keine Lust haben. „Ich rate, zu hinterfragen, ob man sich wirklich so zurücknehmen will“, sagt Grünewald.
Viele Gefahren bedrohen die neu gewonnene Zweisamkeit: Bleibt etwa die Zärtlichkeit im Alltag auf der Strecke? Vielleicht, weil die Kinder des Partners keinen Raum dafür lassen? Grünewalds Erfahrung: „Viele beginnen dann, die Kinder des Partners abzulehnen.“ Besonders Frauen plagt dabei jedoch ein schlechtes Gewissen. „Viele fühlen sich dabei wie die so oft zitierte böse Stiefmutter.“

Eine neue Liebe braucht Platz

Spätestens jetzt herrscht Alarmstufe Rot. Drohen Beziehungen und die Patchworkfamilien zu scheitern, hilft nur noch, offen über seine Bedürfnisse und Enttäuschungen zu reden. Partner müssen in einen ehrlichen Dialog gehen. Lassen sie sich auf ihre Liebe wirklich ein? „Frauen tappen auch gerne in die Falle des Helfersyndroms und wollen das alte Leben ihres Partners mit aufarbeiten“, meint Familientherapeutin Hillmer. Beispielsweise lesen sie die Mails vom Rechtsanwalt der Ex oder begleiten den Partner zum Scheidungsanwalt. „Doch das sind nicht Ihre Baustellen“, gibt die Familientherapeutin den Übereifrigen dann mit auf den Weg. „Statt die Aufgaben der leiblichen Eltern zu übernehmen, ist es wichtiger zu schauen, wie sich die neue Partnerschaft gut führen lässt und wie die Beziehung zum Stiefkind wachsen kann.“

 


„Ich habe Mama gesagt, dass Cathie für mich eine gute Freundin ist. Ich brauche keine Ersatzmutter!“

Paula


 

Natürlich sind beide Partner gefordert: „Männer müssen gucken, ob sie ihrer neuen Partnerin vielleicht oft den vermeintlichen Kinderkram überlassen und damit Pflichten aufhalsen, die sie eigentlich selbst erledigen sollten“, sagt Hillmer. Regelmäßig sollte sich jeder und jede bewusst fragen, ob man noch tatsächlich Ja zur Beziehung sagt.

Dem Nachwuchs zu vermitteln, dass die neue Liebe Platz im Leben braucht, ist oft gar nicht so leicht. Denn häufig macht genau das Kindern und Jugendlichen Angst. Was hilft, um mögliche Verlustängste zu vertreiben? „Sprechen Sie die Situation offen an!“, rät Hillmer. Hinweise für Redebedarf können etwa sein: Der Nachwuchs ist auf einmal sehr anhänglich – oder im Gegenteil besonders kratzbürstig. Drohen vielleicht Eifersüchteleien? Fragen Sie nach: Wird dem Nachwuchs das Wechseln zwischen der Wohnung der alten und der neuen Familie zu viel?
Ob Stiefkinder oder leibliche Sprösslinge. Hillmer betont: „Es ist wichtig, dass die Erwachsenen die Ohren aufsperren und genau heraushören, was das Kind wirklich braucht.“

Kinder benötigen viel Verständnis

Wenn Kinder den neuen Partner oder die neue Partnerin eines Elternteils ablehnen, können Loyalitätsgründe dahinterstecken. „Vielleicht hat sich das Kind die Abneigung der Mutter gegen Papas Geliebte angeeignet“, meint Psychologin Grünewald. Das muss nicht mit persönlichen Emotionen konform gehen. „Ein Kind kann eigene Gefühle abschalten und sich zum Beispiel im Sinne der Mutter verhalten.“ Doch wie lässt sich diese Klippe umschiffen? „Kinder docken an, wenn das Gegenüber sich authentisch zeigt und ehrliches Interesse an ihnen hat“, erklärt Grünewald. Das gilt in jedem Alter, auch die „vernünftigen Großen“ brauchen Aufmerksamkeit.

Wenn sich eine Familie neu sortiert, ist das gerade für Jugendliche in der Pubertät eine Herausforderung. Eigentlich nabeln sie sich in diesem Alter von Vater, Mutter und Geschwistern ab, um sich selbst zu finden. Verkehrte Welt also, wenn sich stattdessen die Eltern voneinander trennen – und damit ein Stück vom Kind abrücken. Grünewald sagt: „Wenn diese Entwicklungsphase durcheinanderkommt, klammem sich manche Teenager plötzlich wieder mehr an ihre Eltern.“

 


„Nach ein paar Jahren Wechselmodell lebe ich ganz bei meinem Vater. Wichtig ist, dass es einem guttut.“

Joshua


 

Am besten offen miteinander sprechen

Der Nachwuchs sollte Wut, Trauer und Verzweiflung nicht mit sich alleine ausmachen müssen. Wenn ein Gespräch mit den Eltern nicht möglich ist, können Großeltern oder Freunde helfen, das Gefühlschaos zu lindern. Statt an den Jungen Menschen zu zerren, sollten Eltern Bedürfnisse ernst nehmen. Etwa bei der Frage, bei welchem Elternteil der Nachwuchs leben möchte. Familientherapeutin Hillmer rät: „Am besten regelmäßige Familienkonferenzen abhalten, bei denen jeder und jede Probleme offen ansprechen kann.“
Paula Türling aus Hamburg durfte das alles. Sie und ihre Lieben wurden anfangs von Familientherapeutin Hillmer durch die schweren Zeiten gelotst. Sie sagt: „Heute weiß ich, wie sehr uns Claudia geholfen hat.“

 

Erscheinungsdatum: Januar 22
Text: Raphaela Birkelbach, Fotos: Roland Fromann

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