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Un nu geiht dat los!

Unser neugeborener Sohn

Teil 8 „Versprochen ist versprochen…“      Ich saß senkrecht im Bett. Die erste Wehe hatte mich förmlich aufgeschreckt und auch Jan war zumindest fast wach. Ich flüsterte ihm ins Ohr: „Es geht los!“ und schlüpfte aus dem Bett. Ich wollte erst einmal in die Wanne und schauen ob die Wehen sich verstärkten.

Bevor ich ins Wasser stieg, schrieb ich Mara und meiner Beleghebamme Tessa* eine SMS: „Fange an zu atmen ;-)“. Dann tauchte ich ins Nass und versenkte mich in meinen Atemrhythmus. Während meiner Wehen – die im Hypnobirthing als Wellen bezeichnet werden – pustete ich meinen Bauch mit dem eingesogenen Sauerstoff wie einen Luftballon auf. Ich zählte mich im Gleichklang durch jeden Luftzug; achtete darauf, dass meine Ausatmung auf die gleiche Summe an Zählern kam, wie meine Einatmung und imaginierte, wie meine Atmung meiner Gebärmutter half meinen Muttermund zu öffnen.
Wenn ich das heute so schreibe, klingt das echt kompliziert!
Damals half es mir sehr, mich auf mich und meine Atmung zu konzentrieren und mit jedem Atemzug mehr Vertrauen in meinen Körper und den Geburtsprozess zu gewinnen. Ich brauchte ungefähr fünf Wehen – äh Wellen, dann war ich wie in Trance. Zwischen den Wellen schlief ich tatsächlich auch immer wieder ein.

HYP, HYP, HOORAY – es klappt!

Jan hatte inzwischen unseren damals 10 jährigen Sohn geweckt und unsere Freundin angerufen, bei der wir ihn auf der Fahrt zur Klinik absetzen wollten. Die beiden großen Beutekinder hatten Mama-Wochenende und waren nicht zu Hause.
Nun stand er mit seinem Handy im Bad und stoppte die Zeit zwischen den Wellen. Er konnte seine Unruhe nicht wirklich verbergen, denn es waren nicht mal mehr vier Minuten. Er rief unsere Hebamme an und holte mir meine Klamotten. Widerwillig stieg ich aus dem Wasser.

Raus aus’m Wasser und rein in die Klamotten

Den nun folgenden Teil der Geburt habe ich als den schwierigsten in Erinnerung. Anziehen und gleichzeitig rhythmisch meine Wellen zu veratmen, war nicht ganz einfach und ich kam immer wieder aus dem Takt bis wir ins Auto stiegen.

Es schneite und ich machte mir Gedanken, ob wir die Autofahrt in die Klinik ohne Rutschpartie schaffen würden, beschloss aber dann, dass meine Sorge die Außentemperatur auch nicht anheben würde.
Die nächste Welle baute sich auf und ich versuchte es mir auf dem Beifahrersitz bequem zu machen. Mein Mann steuerte uns sicher über die A7 und ich schaffte es tatsächlich mich wieder in Trance zu atmen.
Vom Klinikparkplatz bis zur Geburtsstation veratmete ich eine Welle am Geländer vor dem Eingang und eine im Aufzug. Oben empfing uns unsere Beleghebamme, und ich quatsche kurz mit ihr, bevor auch schon die nächste Welle kam.
Tessa lotste mich in ein Untersuchungszimmer. Währenddessen sehnte ich mich nach meiner Trance und weniger Locationwechsel. Ich verfluchte innerlich, dass ich mich nicht für eine Hausgeburt entschieden hatte.

Lange vor der Geburt hatten meinem Mann und ich mit Tessa vereinbart, dass er alle Diagnosen und (Hiobs-)Botschaften zuerst entgegennahm und ich in meiner Versenkung bleiben durfte, bis er beschloss, dass es an der Zeit wäre, mich zu informieren.
Dieser Beschluss kam nun gleich zum Tragen, denn Tessa machte nach der Untersuchung ein etwas ratloses Gesicht. Ich sah es im Augenwinkel, zog meine Kopfhörer an, um mich von der Außenwelt abzustöpseln und begab mich auf Traumreise.

Halt den Rand, Mumu!

Tessa teilte meinem Mann mit, dass der Muttermund entweder bereits 10cm offen sei, sie sich das aber nicht ganz vorstellen könne, denn die Wehen würden erst seit eineinhalb Stunden andauern und ich hätte ja mit ihr eben noch ein Schwätzchen gehalten. Ihrer Meinung nach täten das Frauen, in untenrum derart geöffneten Zustand, nicht mehr in dieser Lockerheit.
Habe ich schon erwähnt, dass Tessa von Hypnobirthing nicht so viel hielt?
Die zweite Möglichkeit war nicht gerade eine hoffnungsvolle Prognose, denn Tessa zog in Erwägung, dass sich eine Seite meines Muttermundes über des Köpfchen geschoben hätte, dies würde sich so ähnlich tasten lassen, wie ein weit geöffneter Muttermund.
Mein Mann blieb tapfer und bat Tessa, sich doch bitte noch einmal, nach ein bis zwei Wellen, mit einer weiteren Untersuchung zu versichern.

Zuvor zogen wir in den Kreissaal um. Natürlich nicht in den, mit der gewünschten Wanne, denn dieser ist offenbar, wenn Frau ihn braucht, dauerbelegt oder den Besichtigungen von zukünftig Gebärenden vorbehalten.
Angekommen konnte ich mich aber endlich in Ruhe einrichten, vor allem in mir.
Tessa tastete noch einmal meinen Muttermund –diesmal lächelte sie, sie hatte Haare gespürt – also nichts mit Mumu-Lippe über dem Köpfchen.
Gottseidank hatte sie mit ihrer Vermutung nur Jans Kreislauf in Schwung gebracht, der war nun hellwach.

Ankern in friedlichen Gewässern

Die Wellen kamen nun unaufhörlich und ich hing im Vierfüssler über die Lehne des Kreisbettes. Mein Mann las mir eine Meditation vor und Tessa hatte es sich an meinem Fußende gemütlich gemacht.
Schon seltsam, wie hemmungslos man bei einer Geburt wird bzw. werden muss!
Ich will mir den Ausblick bzw. Einblick, den Tessa von ihrer Position aus hatte, lieber nicht en dé­tail vorstellen.

Es war vollkommen friedlich im Saal und falls ich doch einmal aus dem Tritt kam und mein Atem nicht mehr regelmäßig war, „ankerte“ mein Mann.
Unser Hypnoanker funktionierte so:
Jan legte mir seine Hand auf die Schulter und zählte mich langsam von 40 abwärts in meinen Rhythmus zurück. Meist war ich nach wenigen Zählern wieder im Takt.
Tessa beobachtete uns fasziniert.

Dann veränderten sich die Wellen. Sie änderten ihre Richtung, zogen förmlich nach unten und ich wusste, dass nun die Geburt meines Sohnes direkt bevorstand. Ich bat Tessa noch einmal nachzuschauen und sie bestätigte: „Dein Kind kann kommen“.
Ich atmete bei der nächsten Welle nach unten und schob mein Kind die letzten Zentimeter Richtung Ziel.

Abschiedsschmerz und herzliches Willkommen

Ich spürte den Pressdrang, wollte aber nicht verkrampfen und vor allem nichts falsch machen.
Jetzt griff Tessa ein.
Sie hatte bis dahin immer ehrfürchtiger das Geburtsgeschehen verfolgt und sich zurückgehalten.
Und auch jetzt brachte sie nur sanft ihren Vorschlag vor: „Dreh dich mal auf die Seite und bei der nächsten Wehe,“ – Welle kam ihr immer noch nicht über die Lippen – „stemmst Du Dein oberes Bein gegen Jans Hand. Er kann Dir Unterstützung geben. Ich werde meine Hand an Deinen Damm legen und dahin schiebst Du Deinen Sohn!“.
Die Welle kam bevor ich mich mit dem Gedanken anfreunden konnte, meine Position zu wechseln.
In meinem Kopf wurde immer klarer, dass mein Sohn nun tatsächlich kurz davor war, sein erstes Zuhause zu verlassen. Diese letzten Wehen waren die ersten wirklich schmerzhaften – das war wohl mein Abschiedsschmerz.
Ich drehte mich auf die Seite und wirklich, die Position und Tessas Hand halfen mir und meinem Söhnchen das Ziel zu erreichen – nach zwei weiteren Wellen, war er geboren.

 

A Star is Born

Mats war da und mein Mann weinte vor Glück. Er umarmte uns Beide und flüsterte mir ins Ohr, dass er mich unendlich liebe.
Ich schaute unseren Sohn an und konnte es kaum fassen – wir beide hatten es geschafft!
So sanft, ruhig und ohne Angst hatte ich mein Kind in noch nicht einmal 3 Stunden auf die Welt geatmet.
Gott, ich war so, so dankbar! Dieses Erlebnis heilte meine erste Gerburtserfahrung.
Ich bat Jan Mara eine SMS zu schicken und ihre Antwort waren 1000 Herzen.

 


„Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt,
was es noch nicht gegeben hat, etwas Erstes und Einziges.“

Martin Buber


 

Wir mussten noch für vier Stunden in der Klinik bleiben. Tessa bemaß die Zeit allerdings sehr großzügig, sodass die 4 Stunden schon nach 3 vorbei waren 😉
Sie machte Fußabdrücke von unserem kleinen Matrosen, holte den Kinderarzt für die U1 und versorgte uns mit einem ordentlichen Frühstück.
Trotzdem war ich froh, als wir aufbrechen durften.

Zuhause kuschelten Mats und ich uns erst einmal wieder ins Bett. Er schlief und ich bewunderte ihn.
An Schlaf konnte ich noch nicht zu denken, ich war von ihm verzaubert und meine Hormone hielten mich hellwach. Ich schaute mir alles an ihm ganz genau an und versuchte mir seinen Geruch einzuprägen. Jan lag bei uns und wir genossen unsere erste Zusammenkunft im eigenen Familienbett.

Baby an Bord – ahoi kleiner Matrose!

Etwas später brachte meine Freundin unseren Großen nach Hause und meine beiden Beutekinder wurden von ihrer Mutter zu uns gebracht.
Klar, alle wollten das neue Mannschaftsmitglied kennenlernen.

 

Die komplette Brut der Familien Hillmer

Alle Matrosen an Bord

 

Unsere Familie fühlte sich nun so richtig komplett an!

 

*Name geändert

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