Wenn die Adventszeit beginnt, steigt mit ihr nicht nur die Vorfreude auf Weihnachten, sondern oft auch der Druck. Gerade für Bonusfamilien können die Feiertage zur besonderen Herausforderung werden. Im November 2025 durfte ich dem Magazin Wunderweib ein Interview zu genau diesem Thema geben – und möchte die wichtigsten Gedanken hier noch einmal teilen.
Das Bild vom perfekten Weihnachtsfest loslassen
Zu keiner Jahreszeit sind die Erwartungen so hoch wie an diesen drei Tagen im Dezember. Alle sollen glücklich sein, es soll harmonisch zugehen, die Kinder sollen strahlen. Doch gerade in Bonusfamilien ist diese Vorstellung oft unrealistisch.
Hier möchte ich ehrlich sein: Patchwork braucht Zeit. Experten sprechen von etwa sieben Jahren, bis aus dem Flickwerk ein familiäres Kunstwerk werden kann. Das bedeutet nicht, dass die ersten Jahre schrecklich sein müssen – aber es bedeutet, dass wir uns selbst und allen anderen Beteiligten Zeit und Geduld zugestehen dürfen.
Die Herausforderung besteht darin, das perfekte Bild von Weihnachten loszulassen und stattdessen wahrzunehmen, was möglich ist. Dazu gehört, die eigenen Ansprüche und Erwartungen realistischer zu gestalten.
Kommunikation — der Schlüssel zu entspannteren Feiertagen
In meiner Arbeit mit Familien erlebe ich immer wieder: Das größte Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können, ist eine offene Kommunikation. An Weihnachten prallen verschiedene Familienkulturen und -bräuche aufeinander – alle Beteiligten, außer den ganz Kleinen, haben Erfahrungen, Überzeugungen, Werte und Vorstellungen aus ihrem Leben im Gepäck, die ein solches Fest gestalten.
Aber Familientraditionen dürfen sich verändern. Kinder werden älter, Bedürfnisse ändern sich, manche Rituale passen vielleicht nicht mehr. Traut euch, Traditionen anzupassen, statt starr daran festzuhalten.
Hilfreiche Fragen für eure Familie:
- Wie ist es für mich in unserer Familie? Wie ist es für Dich?
- Welche Rolle spiele ich?
- Was brauche ich, um mich zugehörig zu fühlen?
- Was hat sich in unserer Familie verändert?
- Welche Rituale tragen uns noch — und welche belasten eher?
Ein offener Kommunikationsprozess hilft, Loyalitätskonflikte zu verhindern und herauszufinden, was die Bedürfnisse jedes Einzelnen sind.
5 praktische Tipps für Weihnachten in der Patchworkfamilie
1. Frühzeitig planen
Eine frühzeitige Planung gibt allen Sicherheit und kann aufgeladene Stimmungen ersparen. Ältere Kinder und Jugendliche sollten in Entscheidungen einbezogen werden.
2. Einen Plan B haben
Patchwork ist eine logistische Meisterleistung. Was passiert, wenn die Ex-Partnerin oder der Ex-Partner krank wird und die Kinder doch früher oder gar nicht kommen? Sprecht im Vorfeld darüber, was für jeden wichtig und was veränderbar ist. Das setzt voraus, dass jeder seine Bedürfnisse vorab benennt, damit im Zweifel ein Kompromiss gefunden werden kann.
3. Die Kinder im Blick behalten
Kinder wünschen sich in der Regel, mit beiden Elternteilen Weihnachten zu feiern – das ist völlig normal und darf auch so sein. Wichtig ist aber, dass wir unsere eigenen Erwartungen und Enttäuschungen nicht auf sie übertragen. Kinder spüren sehr genau, wenn Erwachsene angespannt sind oder wenn zwischen den Elternhäusern Loyalitätskonflikte entstehen. Loyalitätskonflikte sind für Kinder immer schwierig — sie in ein und demselben Raum unter dem Weihnachtsbaum zu spüren, ist wirklich schlimm. Dann ist es für alle Beteiligten besser, getrennt zu feiern. Lasst den Kindern die Freiheit, beide Familien zu genießen, ohne sich schuldig fühlen zu müssen.
4. Weihnachten darf sich ausdehnen
Weihnachten findet nicht nur am 24. Dezember statt und muss auch nicht auf die Tage vom 24. bis zum 26. begrenzt sein. Gerade in Bonusfamilien kann es eine echte Entlastung sein, wenn wir uns von dieser engen Vorstellung lösen. Wir dürfen auch mehrfach Weihnachten feiern! Die Kinder einmal beim Papa und einmal bei der Mama, wir selbst einmal mit Freunden und einmal als Paar.
Um dies zu ermöglichen, können wir uns auch die Freiheit nehmen, die Raunächte einzubeziehen: Diese besondere Zeit zwischen den Jahren bietet sich wunderbar an, um z.B. als Paar ganz für sich zu feiern und zur Ruhe zu kommen. Diese Flexibilität nimmt den Druck von allen Beteiligten und schafft Raum für echte Freude, Begegnungen und Beziehungspflege.
5. Die Paarbeziehung nicht vergessen
Plant bewusst Zeit zu zweit ein — und holt diese auch nach, wenn unvorhergesehene Dinge dazwischenkommen. Die Kinder können den Feiertag beim wieder gesunden Elternteil nachholen, und auch der Paarabend sollte zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden. Denn geht es den Bonuseltern und ihrer Partnerschaft gut, kann auch der Zusammenhalt der ganzen Patchwork-Schar wachsen.
Meine Weihnachtswünsche für euch
Weihnachten in der Bonusfamilie muss nicht perfekt sein. Es darf auch mal holprig sein, es darf Anpassungen geben — und es darf vor allem eines sein: echt.
Habt Geduld mit euch und den anderen. Weihnachten gehört zu eurem Leben wie andere Tage auch — mal ist die gemeinsame Zeit möglich und wunderschön, mal eine ganz schöne Herausforderung. Wenn wir mit aller Macht versuchen, das perfekte Bild zu realisieren, setzen wir uns und alle anderen unter Druck — und können die Zeit als Familie nicht genießen.
Was es braucht? Vor allem Kommunikation, Verständnis und Akzeptanz.
Ich wünsche euch allen entspannte und liebevolle Feiertage — auf eure ganz eigene Art.
Herzlichst Claudia

