Weihnachten in der Bonusfamilie

Weihnachtsfest in Patchwork Familien – zwischen Erwartungen und Wirklichkeit

Zwischen Erwartungen und Wirklichkeit

Die Adventszeit hat begonnen, und mit ihr steigt nicht nur die Vorfreude auf Weihnachten, sondern oft auch der Druck. Gerade für Bonusfamilien können die Feiertage zur besonderen Herausforderung werden. Kürzlich durfte ich dem Magazin Wunderweib ein Interview zu genau diesem Thema geben – und möchte die wichtigsten Gedanken hier noch einmal vertiefen.

Das perfekte Weihnachtsbild loslassen

Zu keiner Jahreszeit sind die Erwartungen so hoch wie an diesen drei Tagen im Dezember. Alle sollen glücklich sein, es soll harmonisch zugehen, die Kinder sollen strahlen. Doch gerade in Bonusfamilien ist diese Vorstellung oft unrealistisch.

Hier möchte ich ehrlich sein: Patchwork braucht Zeit. Experten sprechen von etwa sieben Jahren, bis aus dem Flickwerk ein familiäres Kunstwerk werden kann. Das bedeutet nicht, dass die ersten Jahre schrecklich sein müssen – aber es bedeutet, dass wir uns selbst und allen anderen Beteiligten Zeit und Geduld zugestehen dürfen.

Die Herausforderung besteht darin, das perfekte Weihnachtsbild loszulassen und stattdessen wahrzunehmen, was möglich ist. Dazu gehört auch, die eigenen Ansprüche und Erwartungen herunterzuschrauben.

Kommunikation: Der Schlüssel zu entspannteren Feiertagen

In meiner Arbeit mit Familien erlebe ich immer wieder: Das größte Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können, ist offene Kommunikation. An Weihnachten prallen verschiedene Familienkulturen und -bräuche aufeinander – alle Beteiligten, außer die ganz Kleinen, haben Erfahrungen, Überzeugungen, Werte und Vorstellungen aus ihrem Leben im Gepäck.

Familientraditionen dürfen sich verändern. Kinder werden älter, Bedürfnisse ändern sich, manche Rituale passen vielleicht nicht mehr. Traut euch, Traditionen anzupassen, statt starr daran festzuhalten.

Wichtige Fragen für eure Familie:

Wie ist es für mich in unserer Familie? Wie ist es für dich? Welche Rolle spiele ich? Was brauche ich, um mich zugehörig zu fühlen? Was hat sich in unserer Familie verändert? Welche Rituale tragen uns noch – und welche belasten eher?

Ein offener Kommunikations-Prozess hilft, Loyalitätskonflikte zu verhindern und herauszufinden, was die Bedürfnisse eines jeden einzelnen sind.

5 Praktische Tipps für die Feiertage

1. Frühzeitig planen

Eine frühzeitige Planung gibt allen Sicherheit und kann aufgeladene Stimmungen ersparen. Ältere Kinder oder Jugendliche sollten in Entscheidungen einbezogen werden.

2. Einen Plan B haben

Patchwork ist eine logistische Meisterleistung. Was passiert, wenn die Ex-Partnerin oder der Ex-Partner krank wird und die Kinder doch früher oder gar nicht kommen? Wer ist wann bei wem? Sprecht im Vorfeld darüber, was für jeden wichtig und was veränderbar ist. Das setzt voraus, dass jeder seine Bedürfnisse vorab benennt, damit im Zweifel ein Kompromiss gefunden werden kann.

3. Die Kinder im Blick behalten

Kinder wünschen sich in der Regel, dass beide Elternteile an Weihnachten da sind – das ist völlig normal und darf auch so sein. Wichtig ist aber, dass wir unsere eigenen Erwartungen und Enttäuschungen nicht auf sie übertragen. Kinder spüren sehr genau, wenn Erwachsene angespannt sind oder wenn zwischen den Elternhäusern Loyalitätskonflikte entstehen. Loyalitätskonflikte sind für Kinder immer schwierig, aber diese in ein und demselben Raum an Weihnachten unter dem Baum zu spüren, ist wirklich schlimm. Dann ist es für alle Beteiligten besser, getrennt zu feiern. Lasst den Kindern die Freiheit, beide Familien zu genießen, ohne sich schuldig fühlen zu müssen.

4. Weihnachten darf sich ausdehnen

Weihnachten findet nicht nur am 24. Dezember statt und muss auch nicht auf die Tage vom 24. bis zum 26. begrenzt sein. Gerade in Bonusfamilien kann es eine echte Entlastung sein, wenn wir uns von dieser engen Vorstellung lösen. Wir dürfen auch mehrfach Weihnachten feiern! Die Kinder einmal beim Papa und einmal bei der Mama, wir selbst einmal mit Freunden und einmal als Paar. Um dies zu ermöglichen und nicht in Stress zu geraten, können wir uns auch die Freiheit nehmen, die Raunächte mit einzubeziehen: Diese besondere Zeit zwischen den Jahren bietet sich wunderbar an, um z. B. als Paar ganz für sich zu feiern und zur Ruhe zu kommen. Diese Flexibilität nimmt den Druck von allen Beteiligten und schafft Raum für echte Freude, Begegnungen und Beziehungspflege.

5. Die Paarbeziehung nicht vergessen!

Plant bewusst Zeit zu zweit ein – und holt diese auch nach, wenn unvorhergesehene Dinge dazwischenkommen. Konkret auf das obige Beispiel bezogen kann das bedeuten: Die Kinder holen den Feiertag beim wieder gesunden Elternteil nach und auch der Paarabend kann und sollte zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden. Denn geht es den Bonuseltern und ihrer Partnerschaft gut, kann auch der Zusammenhalt der ganzen Patchwork-Schar wachsen.

Meine Weihnachtswünsche für euch

Weihnachten in der Bonusfamilie muss nicht perfekt sein. Es darf auch mal holprig sein, es darf Anpassungen brauchen, und es darf vor allem eines sein: echt.

Habt Geduld mit euch und den anderen. Setzt euch nicht unter Druck, dass jedes gemeinsame Weihnachten perfekt sein muss. Denn wenn wir mit aller Macht versuchen, das perfekte Bild zu realisieren, setzen wir uns und alle anderen unter Druck – und können die Zeit als Familie nicht genießen.

Was es braucht? Vor allem Kommunikation, Verständnis und Akzeptanz.

Ich wünsche euch allen entspannte und liebevolle Feiertage – auf eure ganz eigene Art.

Das vollständige Interview könnt ihr hier bei Wunderweib lesen.

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