Beziehungen in Patchworkfamilien

Frau mit Gänseblümchen. Sie reißt die Blätter für das Spiel "Er liebt mich, er liebt mich nicht…" aus.

Er liebt mich, sein Kind liebt mich nicht, ich liebe seine Ex nicht…

Patchworkfamilien gründen sich fast immer auf Schmerz und Verlust. Sie entstehen, nachdem ein erstes Familienmodell gescheitert ist — aus welchem Grunde auch immer.

Wenn Recht regelt, was Beziehung nicht konnte

Besonders schwierig ist die Patchwork-Familien-Neugründung für alle Beteiligten, wenn sich die alte Familie vor Gericht streitet. Sorgerecht, Unterhaltsrecht und Umgangsrecht versuchen, auf der Ebene des Gesetzes etwas zu regeln, was auf der Beziehungsebene nicht geregelt werden konnte.

Keiner wird gewinnen.

Viele, die diesen Text lesen und Kinder aus einer früheren Beziehung haben, wissen vermutlich um diese rechtliche Ebene. Auch die neuen Partner*Innen kennen die bittere Wahrheit, die aus einer vorangegangenen Trennung folgt:

„Sie müssen das akzeptieren, was man als Liebender eigentlich nicht hinnehmen kann, nämlich dass sie nie in jeder Hinsicht an erster Stelle stehen werden. Die Kinder und die Ex-Partnerperson waren immer schon vorher da.“

Katharina Grünewald

 


„Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange darauf freut.“

Arthur Schnitzler


Der grundlegende Unterschied zur „normalen Familie“

Der grundlegende Unterschied zur Kernfamilie* ist: Wir können nicht davon ausgehen, dass zwischen allen Mitgliedern eine Beziehung besteht, die auf dem Gefühl der Liebe basiert.
Genau das ist es, was es häufig so schwierig macht.
Liebe ist in Bonusfamilien nicht immer der fruchtbare Boden, auf dem die Beziehungen wachsen und gedeihen.

Eine Liebesbeziehung gibt es:

  • zwischen den beiden Erwachsenen, die die Patchworkfamilie gründen
  • zwischen der Mutter und ihren Kindern
  • zwischen dem Vater und seinen Kindern
  • und zwischen dem Patchworkpaar und deren gemeinsamen Kindern

Nicht zwingend jedoch:

  • zwischen dem Mann und den Kindern der Frau
  • zwischen der Frau und den Kindern des Mannes
  • und auch nicht zwischen den jeweiligen Kindern

Ich selbst habe das hautnah erlebt. Die Liebe zu meinem Sohn war von der ersten Sekunde an bedingungslos — die zu meinen Beutekindern war es damals noch nicht. Ich maß mit zweierlei Maß und schämte mich dafür. Was ich damals noch nicht wusste: Das ist kein Versagen. Es ist schlicht die Realität, wie Beziehungen entstehen — oder manchmal auch nicht entstehen. Wer das versteht, hört auf, sich selbst dafür zu verurteilen — und kann anfangen, wirklich hinzuschauen und Verantwortung für seine Gefühle übernehmen.

Wenn ich heute in meiner Patchworkelterngruppe sitze, erlebe ich es regelmäßig: Genau dieses Gefühl, mit zweierlei Maß zu messen, macht vielen Patchworkern zu schaffen. Für sie ist es eine ungeheure Erleichterung zu erfahren, dass es anderen genauso geht. Das wäre es für mich damals auch gewesen.

Aus diesem Grund können wir nicht erwarten, dass eine Patchworkfamilie in der gleichen Art und Weise funktioniert wie eine Kernfamilie.

 


„Fang nochmal von vorne an
Denn
Liebe ist alles
Alles, was wir brauchen
Lass es Liebe sein“

Rosenstolz


 

Hingegen gelten andere Prinzipien einer Kernfamilie auch für Bonusfamilien, wie zum Beispiel:

„Das Beste, was Du für Deine Kinder tun kannst, ist, Dich gut um die Erwachsenenbeziehung zu kümmern. Sie ist das erste Kind der Familie.“

Bonusfamilie versus Kernfamilie — wo die Unterschiede wirklich liegen

In Patchworkfamilien haben wir zwei Erwachsene, die einen gemeinsamen Traum „von Familie“ haben. Es ist ihr Traum — der Traum der Erwachsenen. Das Risiko, dass die Kinder sich diesem Traum entgegenstellen, ist in einer Patchworkfamilie real — in einer Kernfamilie nicht.

Die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen ist der wichtigste Faktor für das Gelingen einer Patchworkfamilie. Diese Qualität entscheidet, ob sich alle wohl fühlen und ihren Platz im neuen Familiensystem finden.

Beziehungen aller Art!

Liebesbeziehungen, Herzensverbindungen, Beziehungen, die erst einmal wachsen müssen — und solche, die nicht gelingen.

Wir sind mit neuen Beziehungen konfrontiert, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

  • eine Liebesbeziehung zwischen den Partner*Innen
  • Herzensverbindungen zwischen den Eltern und ihren Kindern
  • Beziehungen, die erst wachsen müssen — wie zum Beispiel zwischen den Kindern und ihren neuen Bonuseltern
  • und Beziehungen, die wir nicht wirklich wollen — zum Beispiel zu den Ex-Partner*Innen

Bis auf die Paarbeziehung sind diese neuen Beziehungen nicht von den Beteiligten selbst gewählt.

Welches Ziel sich alle für diese Beziehungen wünschen, ist ebenfalls unterschiedlich — und allein davon abhängig, wie eng diese Menschen in unserem zukünftigen Alltag miteinander verwoben sind. Mit den Kindern der neuen Partnerperson leben wir zumindest zeitweise in den gleichen vier Wänden. Deren Großeltern werden wir unter Umständen nie kennenlernen.

 


„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Martin Buber


 

Wenn Beziehungen gelingen — und wenn nicht

Manchmal fällt es uns leicht, mit unserem neuen Familienzuwachs in Beziehung zu gehen. Zum Beispiel weil ein Kind unser Hobby teilt und uns der Einstieg ins Miteinander über diese gemeinsame Welt gut gelingt. Ein anderes Mal sind wir vielleicht sehr herausgefordert, weil uns der andere fremd vorkommt.

Manchmal haben wir gute Voraussetzungen für unser Zusammensein, manchmal schlechte. Es ist von vielem abhängig, ob Beziehungen gelingen. Auf manches haben wir persönlich Einfluss — auf manches nicht.

Fest steht: Mit diesem Entwicklungsprozess sind viele Unsicherheiten und Gefühle verbunden.

  • Wo finde ich Platz?
  • Was ist mir zu eng?
  • Was wünsche ich mir?
  • Wann fühle ich mich ausgeschlossen?
  • Was möchte ich verändern?

Diese und viele Fragen mehr bilden einen Gefühlscocktail, der uns nicht selten ins Wanken bringt. Da ist es für viele von uns verlockend, sich in Rollen zu flüchten oder händeringend nach Regeln zu suchen, die uns schwierige Situationen ersparen sollen.

Was hilft, wenn Beziehungen nicht von allein wachsen

Konzentriere Dich auf das, was schon geht. Gibt es etwas, das Du mit Deinem Bonuskind gerne tust — etwas, das Dir leicht fällt, das Euch beide interessiert? Davon bitte mehr.
Und wenn es das noch nicht gibt: Vertraue darauf, dass echte Begeisterung ansteckend ist. Wer von etwas wirklich erfüllt ist, zieht andere Menschen in seinen Bann — manchmal sogar Kinder, die eigentlich gar nicht beeindruckt werden wollen.

Eine Klientin von mir hatte es wirklich schwer, mit ihren Beutemädchen in Beziehung zu kommen. Sie war aber mit Leib und Seele Tierärztin. Eines Wochenendes nahm sie die Mädchen einfach mit in die Praxis, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Die Mädchen halfen mit — und kuschtelten nicht nur mit einem Häschen, das sich noch von einer OP erholen musste, sondern packten richtig mit an und zeigten aufrichtiges Interesse. Aus diesem einen Nachmittag wurde ein Ritual. Und aus dem Ritual wuchs eine Beziehung.

Herzlichst Claudia

* Die Kernfamilie ist die, die wir nach unserem Auszug – bei unseren Eltern – also aus unserer Herkunftsfamilie gründen.  

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