Oft haben wir keine andere Vorstellung von Familie als die mit der klassischen Rollenverteilung: Vater, Mutter, Kind. Wir bringen diese meist unbewusst mit und tragen sie als große Sehnsucht in uns. Klar – wenn wir eine Familie gründen, ist das mit dem Wunsch verbunden, im eigenen Leben anzukommen und das mit Menschen, die man liebt und die einen lieben. Vielleicht etwas naiv, aber zutiefst verständlich!
Auch unsere Rolle in einer „ganz normalen“ Kernfamilie hat sich oft mehr ergeben, als dass wir sie bewusst gewählt hätten. Die wenigsten von uns sprechen in ihrer Paarzeit – also bevor die ersten Kinder kommen – ausführlich über ihre Vorstellungen von Familie. Schließlich glauben wir, unsere Partnerperson zu kennen. Und wenn wir wissen, wie sie tickt, wer muss dann noch überprüfen, ob unsere Vorstellungen tatsächlich übereinstimmen? Hinzu kommt, dass wir oft aus rein praktischen Gründen in die Rollenfalle schlittern: Da geht die Frau zuerst in Elternzeit, reduziert anschließend auf Teilzeit – er wird zum Versorger. Bis heute eher die Regel als die Ausnahme. Und selten eine wirklich bewusste Entscheidung beider.
Genau dieses „Hineinschlittern“, dieses Sich-nicht-wirklich-Auseinandersetzen, ist ein wichtiger – und sehr häufiger – Grund, warum Kernfamilien scheitern.
Dennoch verabschieden sich viele in dem Glauben aus ihrer alten Familie, dass es wohl einfach nicht die Richtige war. Insofern starten wir häufig auch in unsere Patchwork- bzw. Folgefamilie mit ähnlichen Rollenbildern, unbewussten Glaubenssätzen und der Sehnsucht nach einer harmonischen Gemeinschaft.
Kurz gesagt: Wir spielen auch hier erst einmal Kernfamilie – und tappen prompt in dieselbe Falle.
Genauer: die Rollenbilder-Falle. Statt zu schauen, wer wir jetzt sind und welche Wünsche und Bedürfnisse jede einzelne Person in der neuen Patchwork-Konstellation mitbringt, machen wir weiter wie gehabt. Nur mit mehr Personen. Und mehr Gepäck.
Alte Rollenbilder in der neuen Patchworkfamilie
Unsere Vorstellungen sind geprägt von unserer Geschichte, unserer Herkunft, unseren Erfahrungen. Manchmal wollen wir es auf gar keinen Fall so machen wie unsere Eltern. Manchmal empfinden wir unsere eigene Erziehung als – sagen wir – durchaus zielführend. Beides fließt in unsere Beziehungsgestaltung ein, bewusst oder nicht.
Ich zum Beispiel landete rasend schnell in der Versorgerin-Rolle – nicht aus reiner Aufopferungsbereitschaft, sondern auch aus einer stillen Angst heraus: dass irgendjemand da draußen denken könnte, Stiefmütter bekämen das nicht so gut hin. Also wurde ich zur unangefochtenen Meisterin der Brotdosen-Inhalte. Schnitzte bald jeden Morgen Gurkengeister und Karotten-Autos in Rekordzeit. Und da ich schon mal dabei war – ich war ja schon warm –, krempelte ich gleich den Speiseplan auf bio und gesund um. Und hatte ratzfatz den gesamten Haushalt an der Hacke.
Niemand hatte mich darum gebeten. Niemand hatte mir diese Rolle zugewiesen. Ich hatte sie mir selbst geschnappt – und erst viel später gemerkt, dass dahinter weniger Liebe steckte als Kontrolle. Die Kontrolle darüber, wie ich nach außen wirke. Und die Hoffnung, dass gut gefüllte Brotdosen irgendwie Zugehörigkeit ersetzen können.
Spoiler: Das tun sie nicht.
Typische Herausforderungen in der Patchworkfamilie
In einer Bonusfamilie gibt es viele Mitglieder – und alle beeinflussen das System mit ihren bisherigen Erfahrungen. Irgendwie logisch, dass sich das bis dahin gelebte Leben nicht einfach ausblenden lässt. Diese „System-Erfahrungen“ – ob aus der Herkunftsfamilie oder der früheren Kernfamilie – prallen in Patchworkfamilien schnell aufeinander.
Man kann sich das so vorstellen: Unsere Partnerperson und ihre Kinder lebten in einem fertigen System, in dem jeder seinen Platz hatte und seine Rolle spielte. Vieles ist bereits „da“ – gemeinsam entwickelt, eingespielt, vertraut. Wir stoßen auf etablierte Gegebenheiten und gewachsene Beziehungen. Und dann kommen wir. Mit unseren Ideen, unserer Geschichte – und der stillen Hoffnung, dass das doch irgendwie alles passt.
Wenn nun neue Bonus-Familienmitglieder hinzukommen, suchen alle nach ihrem Platz im System. Und weil Unsicherheit nun mal keinen Leerlauf mag, greifen wir auf das zurück, was wir kennen: Rollenvorstellungen und Regeln. Wir spielen „Familie“ – weil keiner so richtig weiß, wie „Bonusmutter“, „Bonusvater“ oder „Bonuskind“ eigentlich geht.
Wir geraten in Konkurrenz zu „Vater, Mutter, Kind“, erziehen oder schmollen – je nach Tagesform –, wenn wir den Kampf um die knappe Zeit unserer Liebsten verlieren. Wenn wir unsere Position im Gerangel vergeblich suchen, sich keine Rolle richtig anfühlt oder unsere Bemühungen nicht so ankommen, wie erhofft, dann ziehen wir uns zurück, warten ab, halten aus – und geraten in Konflikte, die sich groß und existenziell anfühlen. Gerade weil wir schon Trennungserfahrungen gemacht haben.
Was hilft wirklich in Bonusfamilien?
Zuerst: Realitäten akzeptieren. Klingt simpel, ist es aber bekanntlich nicht.
Dann: Bestandsaufnahme. Und zwar bei allen im System. Wir sollten nicht nur unsere eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Vorstellungen kennen – sondern auch die der anderen. Wie ist es für mich? Wie ist es für dich in unserer Familie?
Wer ist eigentlich dabei – und wer spielt mit?
Alle kommen mit Erfahrungen in die neue Patchworkfamilie und wissen, wie ihr altes Spiel gespielt wurde. Aber welches Spiel spielen wir von nun an gemeinsam? Wie sehen die Spielregeln für mich aus – und für die anderen? Wie geht es jedem Einzelnen auf dem Spielfeld?
Um das herauszufinden, muss man sich kennenlernen. Wirklich kennenlernen. Mit allen Besonderheiten, Ecken und Kanten.
Genau dieser Prozess wurde in vielen Kernfamilien nie geleistet. Hier liegt unsere Chance – für persönliche Entwicklung und für die Familie als Ganzes.
Also: Geht ins Gespräch. Immer und immer wieder. Und holt euch Hilfe und Begleitung, wenn es im Dialog hakt. Mittlerweile haben sich viele Familienberater*Innen und Therapeut*Innen auf das Thema spezialisiert. Für viele meiner Klientinnen ist es ein Vorteil, dass auch ich in einer Patchworkfamilie lebe und weiß, wovon ich rede.
Auch gibt es mittlerweile in vielen Städten Patchwork- beziehungsweise Bonuseltern-Gruppen. Lass Dich nicht abschrecken vom verstaubten Image, das Selbsthilfegruppen oft noch haben – denn viele empfinden den Austausch mit anderen als wirklich hilfreich. Hier ist Raum, um zu erzählen und auch mal, um die Flügel hängen zu lassen. Was ist schwierig – was läuft gut? Wie ist es bei uns – wie bei euch? Was möchten wir verändern? Wie wollen wir unser Zusammenleben gestalten?
Und es sitzen dort nur Menschen, die wissen, wovon sie reden 😉
Eure Claudia