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Raus mit der Sprache

Teil 2     „Das Unausgesprochene hinter dem Gesagten“    Ich habe im letzten Teil einigermaßen weit ausgeholt, um euch ein „Gepäckstück“ aus meinem Leben so zu beschreiben, dass ihr euch vorstellen könnt, dass es mein Denken und meine Reaktionen, gerade, wenn sie unüberlegt sind, bis heute beeinflusst. Auch meine Kommunikation ist betroffen. Vor allem dann, wenn ich dabei nicht alles sage, was ich im Kopf und im Herzen mit mir rumtrage.

Sonnenallee

Als mein Beutejung ungefähr 14 Jahre alt war, kam er aus der Schule und hatte den Film Sonnenallee von Leander Haußmann im Unterricht gesehen.
Mein Mann und ich saßen mit ihm beim Mittagessen und auf die Frage: „Wie war der Film?“ sagte er: „Langweilig, bin eingeschlafen!“
Eine ziemlich kurze aber dafür umfassend vernichtende Filmkritik.

Ich hatte den Film kurz nach dessen Erscheinen angeschaut und fand ihn eigentlich auch nur mittelmäßig.  Zuvor hatte ich allerdings ein Interview mit dem Regisseur gehört und es hatte mich irgendwie beeindruckt. Leander Haußmann war damals ein noch vergleichsweise junger Theaterintendant und „Sonnenallee“ war sein erster Kinofilm – mehr gab mein Erinnerungsvermögen nicht mehr her.
Ich hatte Haußmann in die Intellektuellenschublade meines Hirnes gepackt und da ich auch gerne zu dieser Truppe gehören würde  – mein Minderwertigkeitskomplex lässt grüßen – fand ich den Film mittlerweile gut.

Ich hatte keine Ahnung was aus Haußmann geworden war, es hielt mich aber nicht davon ab, meinem Beutejung von oben herab zu verkünden, dass er den Film dann wohl lieber nochmal anschauen sollte, denn er wäre von dem Leander Haußmann und würde auf leichtverdauliche und humoristische Weise die Geschichte des damals geteilten Deutschlands erzählen.
Innerlich dachte ich, „Man, kaum wird’s mal ein wenig anspruchsvoller, geht euch schon die Luft aus. Da muss man sich doch auch mal ein bisschen Mühe geben oder wenigstens so tun als ob!“
Bei mir spielte die schon oft gehörte Schallplatte „Das Leben ist kein bunter Teller!“ mit dem Titel „Ein großes Schiff braucht großes Fahrwasser.“
Das alles sprach ich natürlich nicht aus.

 


„Man kann nicht nicht kommunizieren

Paul Watzlawick


 

Mein Hamburger Jung schaute mich an und sagte: „Du hälst mich wohl für zu doof zu entscheiden, ob ein Film gut ist oder nicht?“
Oh weia ertappt, was nu?
Ich versuchte zurück zu rudern und stotterte Bemerkungen wie:
„Euer Lehrer hat sich bestimmt etwas dabei gedacht“ und  „Zudem finde ich die Idee durchaus gut, euch Schülern diesen Teil unserer Geschichte in cineastischer Form zu servieren“ und „Naja, mir erschließt sich ja auch nicht immer gleich der Sinn oder Humor eines Filmes.“
Mein Beutejunge stand auf und ging in sein Zimmer und mein Mann sah mich mitleidig an und sagte:
„Das war ja wohl ein erbärmlicher Versuch aus der Nummer wieder rauszukommen.“
Ich wollte noch mal einen Erklärungsversuch starten, doch nun stand mein Mann auf und ich war alleine mit meiner Espressomaschine in der Küche.
Sie versorgte mich Gottseidank weiter stumm und treu mit schwarzem Gold und hielt mein Hirn am laufen.

Ich saß an unserem Küchentisch vor meinem Cappuccino und suchte weiter nach Ausreden, fand aber keine.
Ich fand nur Stück für Stück mich.

Was hatte mich eigentlich bewogen, Leander Haußmann zum „Arthouse“-Regisseur zu stilisieren?
Ein kurzer Check bei Google hatte mir mittlerweile auch noch bewiesen, dass Sonnenallee so gar nicht als herausragend galt und auch Leander zwar einigermaßen erfolgreich war, aber mit Komödien und Polizeiruf 110.
Oh, man!

Selbstsuchung zur Selbstfindung

Das Ganze war so peinlich, dass ich in diesem Moment hinter meine mir so wichtige Fassade schauen musste.
Mir wurde Stück für Stück bewusst, dass nur ich diese Fassade brauchte – mein Mann z.B. hatte schon lange einen Blick tief in mich geworfen. Vom Dachboden bis zum Keller. Für ihn brauchte ich diese Show nicht abziehen.

Das meine schaumschlägerischen Ausführungen nicht beziehungsfördernd zwischen Beutejung und mir waren, stand nun auch außer Frage.
Ich machte mir einen zweiten Cappuccino.

Was wollte ich meinem Beutekind damit sagen?
Klar war es mir ein Stückweit um meinen Auftritt gegangen, um meine Aussenwirkung… aber warum machte ich den eigenen Küchentisch zu einer Bühne? Unauthentischer geht’s nich!
Und wieso wollte ich meinem Beutejung „durch die Blume“ sagen, was besser für ihn wäre?

Schluck für Schluck ging mir auf, es war meine Rolle, die ich ihm da überstülpen wollte.
Ich spielte sie in meinem täglichen Selbstwert-Theaterstück mit dem Titel „Tue schlau, um nicht als blöd dazustehen.“

Dieses Schauspiel war ein Teil meiner Überlebensstrategie um mein geringes Selbstwertgefühl auszugleichen.
Funktioniert null! Im Gegenteil!
Zu allem Mangel kommt auch noch ein Versteckspiel – doppelte Anstrengung für ein wenig überzeugendes Ergebnis!
Mein Selbstwertgefühl wurde dadurch auf jeden Fall nicht besser.
Das wusste ich aus der Theorie und spürte es auch und trotzdem fiel ich immer wieder auf mich selbst herein und versuchte, ob mir diese Strategie nicht doch weiter half.

Am Küchentisch hatte ich diese Strategie eine Stunde zuvor meinem Beutejung angeboten.
Er hatte sie abgelehnt.
Kein Wunder:
Ich wollte ihn davor schützen, dass man ihn für blöd hielt und das, indem ich ihm das Gefühl gab, blöd zu sein.
Das nenne ich Paradox!

 


„Der Weg des Paradoxes ist der Weg zur Wahrheit.
Um die Wirklichkeit zu prüfen, muss man sie auf dem Seil tanzen lassen.“

Oscar Wilde


 

Ich sah meinen Beutejung mit meinen Erfahrungen, vor meinem Hintergrund, aus meinen Augen und gab im Überlebenstips aus meiner Welt.
Aber die Welt von Beutejung sah ganz anders aus. Er kam gut ohne meine Strategie aus!

Auch mir half meine eigene Selbstwertgefühl-Kompensation-Strategie nur noch bedingt.
Sie hat mir ohne Zweifel Erfolge beschert.
Immer dann, wenn es darum ging mir ein Thema zu erschließen, mich einzuarbeiten und das Ganze so wiederzugeben, dass ich so gut wie alle Fragen beantworten kann.
Klar, ich hatte ja tierische Angst beim „blöd sein“ ertappt zu werden.
Ohne Zweifel nützlich und ohne Zweifel anstrengend!

Diese Strategie sorgte aber nicht dafür, dass ich mich besser und nur mit Realschulabschluss leiden konnte – auch dann nicht, wenn ich für meine Mühen Applaus bekam.
Auch wohnte die Sehnsucht so zu genügen und geliebt zu werden wie ich bin, weiter in mir.
Daran änderten letztendlich noch nicht einmal die wunderbaren Liebeschwüre meines Mannes etwas, der mir regelmäßig versichert, dass ich die Tollste bin.
Ich fühlte mich mangelhaft und das Gefühl kann nur ich ändern.

Juul* sagt, dass man sein Selbstwertgefühl nur stärken kann, wenn man „mit Integrität handelt“.
Das bedeutet, sowohl innerhalb der Familie als auch im Job und sonst wo, dass wir lernen, unsere eigenen Grenzen zu äußern.
Die eigenen Grenzen zu spüren und auf bedeutungsvolle Weise zu kommunizieren ist etwas anderes als zu funktionieren oder furchtbar schlaue Dinge sagen zu wollen, um dafür Applaus zu bekommen.
Er sagt weiter, dass Grenzen sich niemals aus Konventionen oder Regeln ergeben sollten.
Es sollten unsere persönliche Grenzen sein.
Auf unsere Kinder bezogen sagt er:
„Ein Kind lernt, Grenzen zu achten, wenn seine Grenzen ebenfalls geachtet werden“.

Na dann!

Heimathafen in uns selbst

Ich schlich mich ins Zimmer meines Beutesohnes, ich war aufgeregt und hatte feuchte Hände. Wir beide führten ein langes Gespräch. Es war eines dieser unglaublich wertvollen Gespräche, deren Verlauf man nicht vorab einzuschätzen kann. Diese Art von Gespräche haben ein anderes Tempo und man geht verändert und immer bereichert aus ihnen hervor.
Ihr Inhalt verändert nicht unbedingt die Welt, aber auf jeden Fall die Beziehung der beiden, die da miteinander reden.

Ich erzählte meinem Beutejung meine Schulgeschichte von meinem Minderwertigkeitskomplex und meiner Überlebensstrategie. Meine Erkenntnisse der letzten 2 Stunden halfen mir dabei, ihm offen und ehrlich Eintritt in meine innere Welt zu gewähren.
Er hörte mir still zu als ich ihm sagte, dass es mir leid tue und ich ihm unbedingt zutraue zu entscheiden, was er schauen oder nicht schauen möchte und noch vieles, vieles mehr.
Ich sagte ihm auch noch, dass ich ihm sehr, sehr dankbar bin, weil er mir, durch sein anders sein, zeigt, wer ich bin.
Am Ende sagte er: „Jetzt verstehe ich, warum Du so bist. Aber wenn Du es jetzt auch weißt, kannst Du ja damit aufhören.“

 


„Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes,
dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“

Theodor Fontane


 

Ja, stimmt!

Dieser heutige Blog ist auch ein Beispiel mit Integrität zu handeln. Mit dem Versteckspiel aufzuhören ist ein Schritt in die richtige Richtung, denn sich zu verstecken kann die eigene Integrität nicht fördern.

Ich mute mich jetzt mir selber zu, so wie ich bin und für alle anderen verkleide ich mich auch nicht mehr.

Und Dich mein Hamburger Beutesohn nehme ich so wie Du bist!
Versprochen Beutejung!

 

 

 

*ZITATE AUS:

VOM GEHORSAM ZUR VERANTWORTUNG

von Jesper Juul und Helle Jensen

… Die Neigung der Kinder und Erwachsenen, sich zu bewerten oder sich selbst anzuerkennen, hängt in sehr hohem Maße davon ab, in welchem Umfang, die Phänomene einen Teil der früheren Beziehungen zu wichtigen Erwachsenen ausgemacht haben. Unsere negativen Wertungen unserer selbst sind nie authentisch, sondern Repräsentationen, die von anderer Leute Kritik an uns selbst stammen, mit denen wir kooperiert und die wir kopiert haben im Vertrauen darauf, dass sie es besser wissen als wir selbst, oder aus der Angst vor den Folgen, wenn wir an unseren eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen festhalten. … (Seite 77)

…. Bei beiden Gruppen ist es erfahrungsgemäß, dennoch gleich schwierig, ihnen bei ihren grundlegenden Problemen mit dem geringen Selbstwertgefühl zu helfen: Den Introvertierten, die zwar das Problem erkennen, aber denen natürlich der Glaube fehlt, dass es anders sein kann, und den Extrovertierten, die weit von sich weißen, überhaupt Probleme zu haben.
Alle Erscheinungsformen entsprechen der gleichen inneren Wahrnehmung, seine „richtige“ Größe nicht finden zu können, weil man ein Leben lang in geborgten Kostümen herumgelaufen ist. (Seite 80)

… Das enge und dialektische Verhältnis zwischen diesen beiden Phänomenen (Integrität, Selbstwertgefühl) wird wahrscheinlich erst deutlich, wenn man die Frage beantworten soll: „Was kann ich am besten tun, um mein Selbstwertgefühl zu entwickeln und zu stärken?“ Die Antwort lautet: „Mit Integrität handeln.“ (Seite 71)

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