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Meine Kinder, deine Kinder, unser(e) Kind(er)

Kein Kind oder ein Kind; denn halbe Kinder gibt es nicht!

Teil 3    „Versprochen ist versprochen…“
Mein Mann und ich fühlten uns vom anderen immer weniger verstanden. Ich sehnte mich nach (m)einer heilen Familie und er nach alten Zeiten.

Am Anfang fiel es mir tatsächlich noch leichter, ihn komplett mit seiner ganzen Kind- und Kegel-Vergangenheit zu nehmen. Jetzt hatte ich das ganze Beiwerk 24/7 die Woche und beneidete ganz normale Familien.
Für meinen Mann kam ein weiteres Kind nicht in Frage, das wusste ich. Doch je mehr ich mir diesen Wunsch verbot, desto mehr brodelte er in mir.
Einer von uns beiden musste seinen Wunsch, (k)ein Kind zu bekommen, aufgeben – halbe Kinder gab es schließlich nicht, oder?

Neustart

Ich begann damals meine Ausbildung am Deutsch Dänischen Institut für Familientherapie. Gut, dass mein unterdrückter Kinderwunsch mit Ende dreißig immer mehr in mir arbeitete, war wenig erstaunlich; dafür braucht man nun wirklich keine familientherapeutischen Kenntnisse. In diesem Alter tickt die Bio-Uhr bei vielen Frauen ziemlich laut.
Aber irgendwie dachte ich, dass ich das Ticken mit meiner neuen Aufgabe, meiner Ausbildung am ddif, schon überhören würde. Vielleicht ließ sich ja der eine Lebenstraum, durch den anderen ersetzen? Und zudem würde ich nun eh keine Zeit mehr für ein Baby haben.

 


„Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können.“

George Elliot


 

Ich begann meine Ausbildung, weil mich Jesper Juul so sehr faszinierte (s.a. Wie geht eigentlich Familienberatung nach Juul?).
In seinen Büchern fand ich viele Antworten für meine damalige Arbeit hinter dem Lehrerpult und für meine Familie.
Ich las allerdings viel mehr Beispiele zu Fehlern, die Kolleg*Innen, mein Mann oder andere Eltern machten – zu meinen Fehlern las ich da fast nichts und schloss daraus, dass ich keine machte 😂.
Aber hier war auf die Art und Weise, wie man am ddif ausgebildet wird, verlass!
„Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“ funktionierte hier nicht.

Am ddif berät man nicht nur andere „Freiwillige“, man muss sich auch immer wieder selbst beraten lassen und sowohl eine fachliche Zielsetzung formulieren als auch eine persönliche.
Diese persönliche Zielsetzung und die offene Arbeit daran, sehe ich heute als entscheidend, für die Qualität einer therapeutischen Ausbildung an.
Zum einen weiß man dann (mindestens), wie es sich auf dem gegenüberliegenden Stuhl anfühlt:

    • Wann fühle ich mich gesehen und verstanden?
    • Wann fühle ich mich belehrt oder beurteilt?
    • Wann spüre oder verliere ich den Kontakt zum Therapeuten?
      etc.
    • Und was ging dem voran; was war der Auslöser?

Dies sind sowohl für den Berater als auch für den Klienten wichtige und sehr wertvolle Lernmomente, denn die Beratungen sind „echt“ und kein Rollenspiel – spürbar im Hier und Jetzt.
Zum anderen löst man die eigenen Themen und Probleme „ganz in echt“.
Die können einem schon mal nicht mehr die Sicht versperren.
Nach meiner Erfahrung ein sehr guter und effektiver Weg, die persönliche und professionelle Beziehungskompetenz zu entwickeln.

Aus diesem Grund half meinem Mann und mir meine Ausbildung letztendlich auch bei der Kinderfrage. Wir wurden beziehungskompetenter…

Nur gucken…

Im ersten Halbjahr der Ausbildung findet ein Partnermodul statt. Ziel der Sache ist, dass die Partner die Arbeitsweise kennenlernen und sehen, wo ihre Partner sich rumtreiben, wenn sie sich zu Beratern und Therapeuten ausbilden lassen. Die Arbeit am ddif hat, wie gesagt, eine große Auswirkung auf die persönliche Entwicklung der Teilnehmer und da ist es natürlich wichtig, die Partner von Anfang an einzubeziehen; wenn sie es wollen.

Mein Mann wollte – beim Partnermodul allerdings erst einmal „nur gucken“.
„In die Mitte“*, wie das wir ddiftis nennen, wollte er nicht.
Das war für mich zuerst auch völlig okay.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt drei Module hinter mir. Bei so vielen Beratungen ging es um Bedürfnisse, Werte und Wünsche, die die Ratsuchenden nicht erfüllt sahen oder weggeschoben hatten. Diese waren es, die sie blockierten oder unglücklich machten und meist gaben sie anderen die Schuld dafür. Vor allem dann, wenn es kein bewusster Prozess war, der dazu führte, dass sie „ihr Leben nicht so lebten, wie sie es wollten.“

Inzwischen ahnte ich, dass ich meinen Kinderwunsch nicht einfach unbearbeitet ignorieren konnte. Wenn, müsste ich mich in einen Prozess begeben – Ausgang unbekannt – und mich sehr genau fragen, was hinter meinem Kinderwunsch stand und was ich brauchte, um diesen Wunsch aufzugeben oder ihm nachzugehen und mich bewusst mit meinem Mann darüber auseinanderzusetzen…
Aber was, wenn am Ende des Weges immer noch sein „Nein“ stehen würde?
Ich hatte wahnsinnige Angst vor diesem Konflikt, hielt ihn immer noch unter Verschluss und auch mein Mann machte einen großen Bogen um das Thema.

Wir saßen also im Paarmodul, mein Mann hatte innerlich auf den Zuschauerrängen Platz genommen und ich war bereit zum Paarschaulauf.
Ich dachte tatsächlich, eigentlich ist doch alles gut bei uns:
„Ich mache jetzt eine tolle Ausbildung und kann an diesem Wochenende meinen Mann ein bisschen damit beeindrucken…“ und die anderen Teilnehmer wollte ich mit meinem tollen Mann beeindrucken.

Lass‘ Luft dran

Dann erzählte uns Axel, einer der Seminarleiter, dass er und seine Frau sich bei ihrem letzten Kind auch nicht einig waren… Diese Geschichte diente als Beispiel für unterschiedliche Wünsche und Vorstellungen von Paaren für das gemeinsames Leben.

 


„Man sollte öfter mal einen Mutausbruch haben.“

Unbekannt


 

Es war wie ein spontaner, eruptiver Kinderwunschausbruch – die Wunde war auf und an „Pflaster drüber“ nicht zu denken.
Ich wollte dieses Thema angehen, vorbei die Angst vor der Konfrontation.

Ab da hätte ich meinen Gatten am liebsten in die Mitte gezerrt!
Es musste endlich Luft an die Sache und die Gelegenheit war günstig.

 

In Teil 4 könnt ihr lesen, wie unsere erste Paarberatung lief!

 

*Das typische Beratungs-Setting während der Therapeutenausbildung am ddif ist eine Art „Fishbowl-Beratungs-Setting“. Die Seminarleiter und Studenten sitzen kreisförmig im sogenannten Plenum außen herum und der Berater und die zu Beratende(n) in der Mitte.

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