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Wie geht eigentlich Familienberatung nach Juul?

Jesper Juul ist am 25. Juli gestorben      Foto: © Franz Bischof

Teil 1    Am 25.07.19 ist Jesper Juul gestorben! Ich trauere um ihn und denke seit der Zeit über alles nach, was dieser wunderbare Lehrer und sein Werk in meinem Leben bewirkt hat!
Das ist viel, sehr viel! Und ich bin unendlich dankbar dafür!

Auch fühle ich mich in diesen Tagen sehr an meine Ausbildungszeit am ddif erinnert und sehr verbunden mit all’ meinen Lehrern, die mit ihm gearbeitet haben bzw. von ihm ausgebildet wurden. Trauer verbindet Menschen.

Dieser Blogeintrag ist ein kleiner Teil meiner persönlichen „Jesper Juul Erkenntnisse“ und ein Nachruf.
Mein ganz persönliches „Gleichwürdigkeits-Lehrstück“, aus meinem ersten Ausbildungsmodul als Familientherapeutin beim ddif.
Ich möchte diesen Teil der Geschichte mit euch teilen, auch wenn der folgende Part nicht direkt etwas mit Patchwork zu tun hat.
Er hat aber für mich unglaublich viel mit Juul zu tun.
Verrückt, denn er war noch nicht einmal persönlich beteiligt – und ich glaube genau das hätte ihm besonders gut gefallen, denn er wollte kein Guru sein. Er wollte, dass wir selbst unseren Weg finden und darauf vertrauen, dass wir spüren, wann wir im Kontakt mit uns selbst und mit unserem Gegenüber sind – und somit in guter Beziehung.

Ich nehme euch heute also ein Stück mit auf meinem Weg, der über Juul zum ddif und dann direkt zu mir führte –
und natürlich bin ich noch immer nicht am Ziel 😉 !

Wie geht eigentlich Familienberatung nach Juul?

Jesper Juul hat mein Leben verändert. Seine Bücher, seine Ideen, die Begegnungen mit ihm in seinen Seminaren, seinen Vorträge und seine jedes Mal verblüffende Präsenz und Menschlichkeit, haben mich auf die Suche gehen lassen – nach was ich da genau suchte, wusste ich nicht.
Aber irgendwann fand ich das ddif in Berlin.

Am „Deutsch Dänischen Institut für Familientherapie und Beratung“ wird die Arbeit des von Juul gegründeten Kempler-Instituts, das er 25 Jahre lang geleitet hat, fortgeführt. Hier bildet man Familientherapeuten á la Juul aus – das darf man allerding so nicht sagen, denn Juul wollte zum einen keinen „Namens- und Guru-Kult“ und zum anderen, war es ihm wichtig zu vermitteln, dass es keine Juulsche-Methode gibt.

Methoden und Handwerkszeug jeglicher Art lassen laut Juul „Dein Gegenüber zum Objekt werden“ und das hat per se nichts mit einer gleichwürdigen Beziehung zu tun.
Zudem verstellt es einem die offene und unvoreingenommene Sicht.

 

 


„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat,
sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Paul Watzlawick


 

Aber wenn man seine „Art“ Familien zu beraten nicht an Techniken oder Methoden festmachen kann, was ist dann „Juul“? Auch wenn man es nicht draufschreiben darf, möchte man doch wissen was drin steckt, oder?
Was ist die durch Kempler begründete und durch ihn weiterentwickelte „Erlebnisorientierte Familientherapie“?

Hatte es etwas mit seinen „Para-Juul-Antennen“* zu tun, wie der Journalist Georg Cadeggianini Juuls Gespür für sein Gegenüber nannte?
War es also ein Talent und somit in die Wiege gelegt?
Oder konnte man diese Fähigkeiten am ddif erlernen und wenn ja, wie sollte das gehen, so ganz ohne Methode und Technik? Was wurde denn dann vermittelt?

Juul hatte mich so sehr berührt, dass ich wissen wollte, wie man selbst diese „Beziehungskompetenz auf Augenhöhe“ erlernte, soviel stand für mich fest. Von mir aus auch ohne Methode und Techniken!

Juul „brachte“ mich also zum ddif!
Dort begann ich im 3. Jahrgang des Instituts meine Ausbildung.

 

 

If you can make it there, you’ll find yourself anywhere

Mein Jahrgang startete seine vierjährige Ausbildung in der Villa Fohrde, im tiefen Brandenburg. Für eine Selbstfindung als Ortsangabe nicht gerade hipp aber idyllisch!

 

Villa Fohrde
Ausbildungsort des Deutsch Dänischen Instituts für Familientherapeuten und -Berater
 (hier finden jeweils drei von vier Jahrgängen statt)

 

Hier sollte ich also meine fachliche und persönliche Beziehungskompetenz entwickeln.
Was das heißt und wie nachhaltig und eindrucksvoll dies geschehen würde, erfuhr ich schon im ersten Ausbildungsmodul.

Unsere beiden SeminarleiterInnen, Christine Ordnung, die auch Institutsleiterin ist, und Axel Maychrzak empfingen uns im großen Seminarraum und wir starteten im Plenum mit einer Vorstellungsrunde.
Zeitgleich fällte ich hinter meiner Stirn schon die ersten Vorurteile.

Dort waberten Sätze wie: „Therapeutin zu werden ist eine Sache, aber muss man sich auch gleich so anziehen?“ Und – schlimmer geht immer! – : „Wenn man seine offensichtliche Essstörung noch nicht abschließend bearbeitet hat, ist man hier doch bestimmt fehl am Platz?!“ oder „Oh, interessante Vorbildung!“ durch mein noch nicht beziehungskompetentes Gehirn.

Manche Teilnehmer erschienen mir aber auch grundlegend sympathisch und somit schon gleich viel kompetenter!

Direkt nach dieser Runde sollten meine 15 KollegInnen und ich uns in drei Kleingruppen einteilen.
Diese Gruppen sind ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung am ddif. Sie werden auch als Familiengruppe bezeichnet und tatsächlich spiegeln sie unser Rollenverhalten in Herkunfts- oder Jetzt-Familie und legen unsere Beziehungsmuster- und unser Konfliktverhalten offen.

 

Weitere wichtige Zusatzinformationen zu den Kleingruppen: 

    • Diese Trainingsgruppen bleiben in ihrer Zusammensetzung mindestens zwei Jahre erhalten. 
      Oder wie es Axel in unserem ersten Modul formulierte:
      „Nur das vorzeitige Beenden der Ausbildung oder der eigene Tod werden als triftiger Grund angesehen, die Kleingruppe zu verlassen.“
    • Ein Wechsel in eine andere Kleingruppe ist nicht möglich.
    • Diese Studiengruppen dienen als Unterstützung für die theoretischen und persönlichen Herausforderungen innerhalb der Ausbildung.
    • Neben dem Plenum sind sie ein weiterer Spielort für Gruppenprozesse. 
    • Uneinigkeiten und Konflikte sind durchaus üblich und erwünscht. Sie können innerhalb der Gruppe oder, falls nötig, auch im Plenum bearbeitet werden. 
    • Nicht selten entwickelt sich ein tiefes Vertrauen zwischen den Mitgliedern, das sich auf den gemeinsamen Erfahrungen aufbaut.

JETZT NUR KEINE FEHLER MACHEN

Die Informationen zu den Kleingruppen lösten in jedem von uns eine gewisse Anspannung aus.
Was, wenn man sich unbewusst gleich mehrere schwarze Schafe in die neue Familienherde holte?

 

Wann hat man schon mal die Chance, sich seine Verwandtschaft auszusuchen? 

Der Familiengruppen-Gründungs-Prozess lief wie folgt ab:
Alle Teilnehmer gingen durch den Seminarraum, bis sich drei, ca. gleich große, Gruppen zusammengefunden hatten.

Christine stellte noch zwei weitere Bedingungen für die Zusammensetzung auf:

  1. „In eurer Kleingruppe sollte mindestens eine Person sein, die für euch eine Herausforderung darstellt – euer Bauchgefühl reicht als Grundlage aus.“
  2. „Zudem sucht euch eine Person, mit der ihr euch verbunden fühlt.“

Ganz klar, in Bezug auf die Verbundenheit war das die hübsche Psychologin und Mutter von zwei Kindern. Die ging schon mal klar!
Was die Herausforderung angeht, stellte auch diese Bedingung kein wirkliches Problem dar, ich hatte ja in der Vorstellungsrunde schon heimlich 3 Kandidaten nominiert!

Ich entschied mich für die „Essstörung“!  Ich selber hatte als junge Frau immer eine wahnsinnige Angst zuzunehmen. Eine gute Grundlage in Sachen Herausforderung, fand ich!

So rannte ich also der Psychologin hinterher und versuchte sie in dem Wirrwarr nicht aus den Augen zu verlieren. Der Rest ergab sich wie durch Zauberhand, denn die Kollegin mit der fraglichen Energiebilanz heftete sich an meine Fersen.
Also auch gebongt!
Es war vollbracht, ich stand mit meiner frisch gebackenen 6-köpfigen Familiengruppe in einer Ecke des Seminarraumes und in den anderen Ecken standen zwei, jeweils fünf Teilnehmer aufweisende Clans, und unser Seminarleiter-Team.

Nun gehörten also die Psychologin und die “Lebenshungrige” zu meiner Kleingruppe und wie sich im Laufe der nächsten 2 Jahre herausstellen sollte, war Zweitere tatsächlich nicht von mir, sondern vom Leben so herausgefordert, dass sie leider schon nach einem Jahr abbrach. Ich vermisste sie noch lange.

 

Man bekommt was man braucht

Zu uns dreien gesellten sich, wie gesagt drei weitere Mitstreiter, und mit jedem von ihnen auch mindestens eine nicht einkalkulierte Komplikation.

  • Zum Beispiel wurde meine sehr weibliche Harmoniesucht durch das sehr männliche und überschäumende Temperament eines Berliners mit südländischen Wurzeln regelmäßig und sehr verlässlich getriggert.
  • Mein arbeitsamer Perfektionismus wurde durch einen Lehrer, der eine gewisse Theorie-Lese-Aversion hatte und, sagen wir, unter einer hessischen Ge-Müd(l)igkeit litt, auf die Probe gestellt.
  • Und, last but not least, denn sie war meine Herausforderung Nummer 1, eine Sozialarbeiterin, die ständig Angst hatte zu kurz zu kommen. Mein Reaktionsmuster funktionierte grundsätzlich konträr zu ihrem:
    Ich wartete brav ab und stellte mich hinten an.
    Wir beide hatten entsprechend den größten “Spaß” miteinander!
    Überflüssig zu erwähnen, dass ich von ihr auch am meisten lernte!

 

Beziehungskompetenz – Live, in Farbe und ganz in echt!

Wir verloren, ohne uns dessen bewusst zu sein, wenig Zeit und begannen unseren Lernprozess in Sachen gleichwürdiger Beziehungskompetenz und stürzten uns sogleich in den ersten Konflikt!
Unser Thema:
Raumeinteilung für unsere Kleingruppentreffen!

Die Gruppen hatten sich zwar schnell gefunden aber nun musste noch ein Ort für die regelmäßigen Treffen her.
Zur Auswahl standen:

1.    Das Turmzimmer, mit gemütlichen Korbsesseln und schöner Aussicht

2.    Ein kleinerer Seminarraum mit Terrasse und Seeblick

3.    Der Plenumssaal, in dem die Ausbildung auch sonst stattfand. Dieser war am wenigsten begehrt.

 

Jede Gruppe wollte das Turmzimmer und das nicht gelost wurde, verstand sich von selbst. Das wäre zu einfach, würde den Gruppenprozess unterbinden und wäre zudem ungerecht!

Hääää?

Naja, beim Losen entscheidet das Glück.
Okay ja, stimmt! Aber wer denn sonst?

Wir mussten also tatsächlich alle miteinander ausdiskutieren, wer sich wann und wo trifft und zwar so, dass sich alle dabei gehört fühlten.
Irgendwann hatten wir uns einigermaßen geeinigt, aber nur einigermaßen.

Mir war es nicht so wichtig aber es war nicht abzustreiten, das Turmzimmer war eindeutig der beste Ort für eine Kleingruppensitzung und der kleine Seminarraum, der zweitbeste.
An Seminartagen saß man bis zu drei Stunden am Tag zusammen.
Aber mein Gott, mit gedimmtem Licht, ein paar Yogamatten und Kissen in der Ecke konnte man auch den Seminarraum aufhübschen.

Je länger der Entscheidungsprozess dauerte, umso lauter klang der von meinem Vater oft zitierte Spruch in mir an: “Der Klügere gibt nach!”
Fast alle aus meiner Gruppe sahen das ähnlich.
Nur eine nicht!
Die Sozialarbeiterin hatte den Spruch in ihrer Kindheit inflationär gehört und die Erfahrung gemacht, dass man als Klügerer auch immer gleich den Kürzeren zieht.
Sie reagierte regelrecht allergisch auf diesen Spruch!
Sie wurde also nicht müde uns die Vorzüge des Turmzimmers aufzuzählen.
So recht lies sich aber keiner von uns restlichen Kleingruppenmitgliedern mobilisieren.
Nicht einmal für einen Rotationsplan wollten wir uns stark machen.
Wir nahmen den Seminarraum.

Aber es blieb die letzte, nicht zu erweichende Forderung ihrerseits:
Die Turmzimmertruppe sollte wenigstens pünktlich um 20.15 zum Ende kommen, um den im Raum befindlichen Fernseher zugänglich zu machen, damit sie schauen konnte.

Nun sei an dieser Stelle erwähnt, dass wir gerade in den allerersten Kleingruppensitzungen, sozusagen als vertrauensbildende Maßnahme, jeder seine persönliche Lebensgeschichte erzählen sollten.
Und damit das mit dem anschließenden Vertrauen auch wirklich klappt, sollte die Geschichte komplett erzählt werden!
Inklusive Licht an im (Leichen-) Keller!
So etwas kann zum einen dauern und zum anderen ist auch ein Timer oder das Erzählen in mehreren Teilen nicht unbedingt das, was dem jeweiligen Autor als Rahmen dafür vorschwebt.
Aber mein Gott, wenn DSDS kommt…
Ich begann mich langsam fremd zu schämen.

Wie konnte das sein?
So einen Sch… überhaupt anzuschauen, es dann auch noch offen zuzugeben und auch noch im Plenum einzufordern?
Wo war ich denn hier gelandet und wer suchte bitte die Teilnehmer aus???

Tja, ich erwähnte ja bereits, dass mein Hirn in Teilgebieten noch keine empathischen und beziehungsorientierten Synapsen gebildet hatte.

 

Mal ganz im Ernst, das kann man doch nicht machen! 

Viele waren dieser Meinung und taten ihre Gedanken auch im Plenum mutig kund. Ich nicht, ich ließ den Anderen den Vortritt. Innerlich war ich aber ganz vorne mit dabei. Denn es wurde munter das Anliegen „Fernsehen zu schauen“ bewertet und die Teilnehmerin, deren Wunsch es war, abgewertet.

 

ABSTIMMEN IST DOCH GERECHT, ODER?

Die meisten wollten abstimmen. Es war auch so ziemlich das Einzige, was uns als Lösung in diesem Konflikt einfiel.
Wir waren genervt und wollten uns eigentlich auch gar nicht mit so einem Mist auseinandersetzen, sondern endlich lernen, wie man Familien in herausfordernden Prozessen gleichwürdig und beziehungskompetent begleitet…
Auf Axel war verlass.
Zu unserem Vorschlag, das Ganze demokratisch zu beenden, fiel ihm ein Zitat von Benjamin Franklin ein:

 


„Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf
über die nächste Mahlzeit abstimmen.“

Benjamin Franklin


 

WOW!

 

Der Weg ist das Ziel 

So langsam schwante mir, was prozessorientiert heißt.
Und auch das Gleichwürdigkeit und das Bewerten von Wünschen, Bedürfnissen und den dazu gehörigen Menschen nicht zusammen passen!

 

* Nachruf auf Jesper Juul: Der Beobachter. Von Georg Cadeggianini

 

 

 

 

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