favicon_B

Schatz, wir müssen reden!

Mein Mann hatte am letzten Wochenende Geburtstag und wir waren für ein Nacht außer Haus – genauer gesagt im 4-Sterne-Hotel.
Der eigentliche Luxus war:
Wir hatten einen kompletten Nachmittag lang zu zweit, gefolgt von einem wahnsinnig leckerem Abendessen und viel Zeit zum Reden. Danach durften wir 1 x komplett durchschlafen und ohne Wecker oder Gemecker unseres 4-Jährigen von ganz alleine aufwachen. Um 11.00 (!) Uhr sind wir dann frühstücken gegangen und als Überraschung erschien unsere gesamte Brut, um sich mit uns zusammen, am sehr köstlichen Frühstücksbuffet zu erlaben. Mein Mann strahlte übers ganze Gesicht. Gott, war das alles schön!

Am Sonntagabend saßen wir uns dann schon wieder an einem kleinen Tisch in einem Restaurant gegenüber und mein Mann sagte scherzhaft, dass wir nun so langsam keine Worte und schon gar keine Themen mehr hätten – was nicht wirklich stimmte.

Warum erzähle ich euch das? Nicht um euch neidisch zu machen.

Ich habe für meine neue Blog-Kategorie „7 Antworten auf 17 Fragen“ überlegt, welche Interviewfragen ich den Teilnehmer*innen stellen möchte. Seither denke ich darüber nach, wie meine Antworten und die meiner Familienmitglieder lauten würden.
Die meines Mannes bekommt ihr sicher bald zu lesen, denn ich muss ihn, glaube ich, nur noch eine kleine Weile lang bitten und drängen 😉

Ich kaue seit meiner Suche nach den richtigen Fragen auf Frage Nummer 14.
Sie lautet:

Warum glaubst Du gelingt euch das Zusammenleben? Was ist euer Geheimnis?

Es sind also eigentlich zwei Fragen und meine schnelle Antwort auf beide ist:
Wir reden miteinander und zwar viel, sehr viel.

Am Anfang kleben sich wohl alle Paare an den Lippen – auch zwischen der ganzen Küsserei.
Das taten wir auch und da wir im ersten Jahr eine Fernbeziehung führten, schrieben wir uns zu der ganzen Telefoniererei auch wahnsinnig viele E-Mails.
Diese Form des Austauschs ist besonders.
Man denkt bestenfalls vorher darüber nach, was die Worte die man schreibt ausdrücken sollen. Das mache ich, außer in meinen Therapeutischen-Sitzungen, nicht immer in ausreichendem Maße.

Damals waren unsere verfassten Mails auch eher schnell zu versendende Briefe und hatten nichts mit dem rasanten Textnachrichten Austausch über Messenger-Dienste von heute zu tun.
Wir prüften gefühlt jedes einzelne Wort und überlegten, wenn wir die Worte des anderen lasen, warum er sie gewählt hatte.Wir ließen sie förmlich in uns sinken bevor wir reagierten.
Und, auch nicht unbedeutend, wir lasen die komplette E-Mail, bevor wir uns mit unserer Reaktion darauf beschäftigten. Dialog in Slow-Motion.
Bei manchen Themen sollten Jan und ich wohl wieder in den schriftlichen Austausch gehen…

Dann zogen wir zusammen und bevorzugten von da an den gesprochenen Dialog. Bot sich irgendwie an.

Warum wir immer noch reden

Wir renovierten zu diesem Zeitpunkt und hatten unseren Fernseher vorübergehend in den Keller geräumt. Jans Tochter war damals vier und durfte normalerweise abends Sandmännchen oder auch die Sesamstraße schauen.
Oft, nein sehr oft, fragte sie schon beim Abholen aus der Kita „Darf ich heute gucken?“ und je nach Papas Antwort gestaltete sich der Nachmittag und ihre weitere Fragestellung:
„Papa, wann fängt die Sendung an?“ oder eben „Oh Mano, warum darf ich nicht gucken?“.
An manchen Tagen fragte sie im 5-Minuten-Abstand und fand überhaupt nicht ins Spiel.

Nun kam sie das erste Mal nach Renovierungsbeginn ins Wohnzimmer und fand das Gerät nicht vor. Ein bisschen wie durch Zauberhand schien sich bei ihr das Sprichwort „Aus den Augen aus dem Sinn“ zu bewahrheiten.
Durch das Verschwinden, kam ihr auch auch die tägliche nervige Nachfrage nach dem Beginn der Sesamstraße nicht mehr in den Kopf. Aus den Augen aus dem Sinn – so einfach ist das manchmal.

Wir ließen den Apparat, und das Wort war für dieses schwarze Monstrum unglaublich treffend, also für immer im Keller. Auch wenn wir uns zuerst fragten, wie wir ohne Uli Wickerts Nachrichtenüberblick und seinem Wunsch für eine „geruhsame Nacht“ einschlafen sollten.

2003 gab es Online noch kein erwähnenswertes Unterhaltungsangebot. Wir saßen also jeden Abend in unserer Küche und redeten. Wir waren ja frisch verliebt und somit in Übung. Durch die mangelnde Ablenkung blieben wir es auch. Den Nachrichtenüberblick liefert uns seither der Deutschlandfunk.

Und auch wenn wir heute natürlich beide Laptops haben und es ein vielfältiges Onlineangebot gibt, sitzen wir mindestens jeden zweiten Abend in der Küche oder auf dem Sofa und reden.
(Leider) ganz wenig über alltägliches, weshalb uns ständig etwas „durchrutscht“ und wir auch gerne mal beide Termine zur gleichen Zeit vergeben.
Wir reden darüber was uns jeweils gerade beschäftig, das ist nicht immer spektakulär oder erkenntnisreich.
Manchmal ist es unsere Arbeit, manchmal unsere Freunde, meist sind wir selbst das Thema:
Was haben wir gehört, gelesen, erlebt und was aus all‘ dem geht uns durch den Kopf und findet den Weg auf unsere Zungen.
Wir wissen um die Dinge, die den anderen beschäftigen und auch warum das so ist – lassen uns in die Welt unserer Gedanken und Gefühle eintauchen.

Unser Geheimnis: Gedankenaustausch

Unser „Paar sein“ funktioniert über Austausch.
Wir reden beide sehr gerne, wir können zuhören und beim „miteinander reden und denken“ kommen oft erkenntnisreichere Prozesse zustande, als beim alleine denken.
Oft merke ich beim erzählen erst, wie es mir geht – es ist dann ein bisschen so, wie sich selbst zuhören und fühlen ob die Worte passen.

 


„Es wird immer gleich ein wenig anders,
wenn man es ausspricht.“

Hermann Hesse


 

Aus diesem Grund wissen wir auch, was der andere braucht oder was er sich wünscht. Und wir kennen dadurch immer unsere beiden Blickwinkel auf unser Familienleben und unsere vier Kinder. Auch das erweitert die Sicht von meinem Mann und mir.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir über die Jahre nie wirklich aus der Übung des „miteinander Redens“ gekommen sind. Wir haben beide ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann wir uns beide zu sehr ablenken lassen. Dann spüren wir den sich vergrößernden Abstand zueinander.
Uns hilft dann ein lecker gekochtes Abendessen und ein guter Rotwein, bzw. gutes Bier und schon sitzen wir an unserem Küchentisch und reden wieder.

Über die Jahre hinweg kennen wir die einzelnen Gedanken- und Gefühls-Winkel des anderen. Wir sind uns derart vertraut, dass uns selten etwas am anderen total überrascht. Es ist ein bisschen so, als hätten wir eine gläserne Stirn.
Langweilig?
Nein, denn genau diese Tatsache lässt mich vertrauen und hat mir geholfen mich zu öffnen und mich mit allen Ecken und Kanten zu zeigen und mich zuzumuten wie ich bin.
Das zu dürfen ist sehr spannend 😉 und fühlte und fühlt sich heimisch an. Wo Jan ist, ist mein Zuhause.

So, und auch damit möchte ich euch nicht neidisch machen.
Es gibt viele Wege zum Ziel und unserer hört sich vielleicht etwas zu romantisch an.

Je nachdem über was mein Mann und ich geredet haben, war es aber gar nicht so romantisch.
Zum Beispiel als mir immer klarer wurde, dass mir nur ein „selbstgemachtes“ Kind nicht reichen wird und Jan mit dreien schon sehr, sehr gut bedient war. Diese Gespräche waren nicht mehr einfach, da half auch der Rotwein nicht weiter.

 


„Für ein gutes Tischgespräch
kommt es nicht so sehr darauf an, was sich auf dem Tisch,
sondern was sich auf den Stühlen befindet.“

Walter Matthau


 

Zu diesem Zeitpunkt brauchten wir Unterstützung, um uns nicht immer nur unser „Nein“ oder „Doch“ und die damit verbundenen Argumente und Sichtweisen über den Tisch zu schmettern.

Gottseidank machte ich zu der Zeit meine Ausbildung am DDIF und wir konnten uns regelmäßig beraten lassen.
Dort lernten wir unsere Gefühle, unsere Not und unsere Sorgen, die mit dem Thema verbunden waren, auszusprechen. „Also das dahinter und darunter liegende“ zu formulieren und uns wirklich dabei zu zuhören.
Dadurch wurden unsere Antwortsätze, die mit „Ja, aber“ begannen, reduziert.
Wir lernten, dass wir, trotz unterschiedlicher Gefühle, Gedanken und Ängste, beieinander sein konnten.
Das ist viel schwieriger, wenn man sich auf den inhaltlichen Gehalt der unterschiedlichen Argumente fokussiert.

„So ist es für Dich“ und „so ist es für mich“ standen gleichberechtigt und ohne Wertung in den so geführten Gesprächen nebeneinander.
Auch und obwohl es damals keinen Weg gab, um das Problem „Kinderwunsch“ für beide gut zu lösen, fühlte sich das nicht mehr so einsam an.
Bei unseren Gefühlen und Sehnsüchten kann es nicht darum gehen, wer recht hat.
Wir haben sie einfach und müssen damit umgehen.

Für uns war und ist es zu zweit leichter, wenn wir miteinander reden.

Dadurch können wir bis heute in die Welt des anderen eintreten, uns an seinen Standort umschauen und seine Sichtweise verstehen.

Was ist eurer Geheimnis?

Teilen

Hinterlasse einen Kommentar