Wie Bonusfamilien gelingen — eine Bestandsaufnahme
Ich habe hier „auf Beutekind“ schon versucht, die eine oder andere Antwort zu liefern. Heute versuche ich es mit einer Rolle rückwärts…
Warum die Trennung das Fundament der Patchworkfamilie legt
Ob die Geschichte einer Patchworkfamilie ein Happy End hat, ist leider nicht unerheblich von der Vorgeschichte aller Beteiligten abhängig. Warum leider? Weil viele es nach ihrer Trennung, Scheidung und vielem mehr leid sind, zurückzublicken. Wenn man der Teil des Patchworkpaares ist, der in diesem Theater vielleicht noch gar keine Rolle spielte, fühlt man sich unbeteiligt. Aber meist nicht lange. Dann erfährt man Stück für Stück von der Rolle, die das neue Herzblatt darin gespielt hat, und taucht, über dessen Erzählungen, in die ganze Handlung der alten Familienchronik ein.
Einfache und komplexe Patchworkfamilien — was der Unterschied bedeutet
Wenn sich eine einfache Stieffamilie** gründet, dann bringt nur eine der Partnerpersonen Kinder mit in die neue Beziehung. Es gibt nur eine Ex-Partnerperson, die, zumindest über die Kinder, Einfluss auf die Lebenswirklichkeit des neuen Paares nimmt. Hatten beide zuvor bereits eine Kernfamilie* gegründet, bringen sie Erfahrungen aus dem Trennungsprozess mit. Sie wissen um den vielfältigen Regelungsbedarf und die dazugehörigen Konflikte. Dieses Bewusstsein macht es manchmal etwas einfacher, dem Zwist des anderen mit Verständnis zu begegnen – manchmal. Denn im Alltag spielen fast alle Regelungen aus der vorigen Kernfamilie eine Rolle: wer, wann, wie und wo die Kinder betreut werden. Großen Raum nehmen eben auch die ungelösten Konflikte des nun getrennten Elternpaares ein — und diese haben Auswirkungen auf die Folgefamilien. So heißen Patchworker und Bonusfamilien im „Psycho-Jargon“.
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt,
wird blind für die Gegenwart.“
Richard von Weizsäcker
Das Patchworkfamilien-Fundament wird also zu einem beträchtlichen Teil in der Vergangenheit gegossen. Ist es instabil, wackelt auch das nachfolgende Bauvorhaben.
Ungelöste Konflikte in der Patchworkfamilie — wie sie wirken
Wie viele schwelende Konflikte aus den zurückgelassenen Kernfamilien* haben die Baumeisterin und der Baumeister des Patchwork-Neubaus noch in ihrem Gepäck? Haben beide die Herausforderung bereits gemeistert und sich von ihrer alten Familienform gut verabschiedet — und ihr, in neuer und veränderter Gestalt, einen Platz in ihrem jetzigen Leben eingeräumt? Oder kämpft ein ehemaliges Mitglied dieser Kernfamilie um diesen Platz und drängen sich ungelöste Konflikte immer wieder in den Alltag des neuen Patchworkpaares? Dann wird es Zeit, noch einmal genau hin- und zurückzuschauen, was es für eine „gute“ Trennung noch an Verarbeitung und Sortierung braucht.
„Welche Arbeit muss ich mit meiner Ex noch leisten, um auch in Zukunft gute Eltern sein zu können?“ „Darf zwischen uns alles ausgesprochen werden oder gibt es Tabus, die uns im Wege stehen?“ „Was müssen wir noch bewältigen oder verarbeiten?“
Gibt es Raum für:
- Sorgen und Kritik
- Verlustängste, die die Kinder betreffen
- Existenzängste
- Werte und Vorstellungen über Erziehung, Ernährung, Schulbildung, Gesundheitsfragen…
- … und viele Herzensthemen und Konfliktreiches mehr, das Eltern auch nach ihrer Trennung immer wieder besprechen sollten.
Oder wird, z.B. aus Angst vor der Auseinandersetzung, lieber geschwiegen, manipuliert und unter die Teppiche gekehrt, bis sich unter diesen mehrere Mittelgebirgsketten abbilden?
Hochstrittige Trennung und Patchworkfamilie — was Kinder wirklich leiden lässt
Den anderen zu verstehen heißt, in die Welt des Gegenübers einzutauchen und sich mit seinen Gefühlen und Sichtweisen auseinanderzusetzen. Mindestens ein paar Kilometer in dessen Schuhen zu laufen. Im besten Fall haben wir dann verstanden, warum unser Gegenüber die Dinge anders einordnet. Aus diesem Verstehen heraus können wir gemeinsam Lösungen finden. Vielleicht lässt sich manches auch nicht sofort lösen — aber den Standpunkt des anderen erkundet zu haben, kann helfen, auch Unlösbares ein Stück weit gemeinsam zu tragen.
Viele von uns haben noch nicht verstanden, dass den anderen zu verstehen nicht heißt, dass man mit dem, was sie oder er sagt, einverstanden sein muss.
Gerade in der Zeit der Trennung und der Phase danach entscheidet die Kommunikations-, Konflikt- und Empathiefähigkeit zwischen den Ex-Partner*Innen, wie es ihnen und ihren Kindern geht. Und damit auch, wie es den Mitgliedern ihrer Folgefamilien geht.
Wenn das ehemalige Paar seine Probleme auch nach der Trennung nicht zu lösen vermag, kommt es zu dauerhaften Konflikten. Darunter leiden alle — und besonders die Kinder, die oft regelrecht zwischen die Fronten geraten.
„Zum Frieden braucht es zwei, zum Krieg reicht einer.“
Mathias Voelchert
Kinder können aushalten, sie sind loyal und sie lieben beide Elternteile gleich. Kinder versuchen auf ihre Weise zu reparieren, was kaputt ist. Sie halten oft Bedingungen aus, die Erwachsene nicht aushalten würden.
Geht es bei Trennungen hochstrittig zu, gibt es einen Punkt, wo Kinder aus dem Blick der Eltern rücken. Sie werden zum Teil sogar als „Waffe“ im Trennungskrieg eingesetzt.
Thomas Hess und Claudia Starke schreiben in ihrem Buch „Patchworkfamilien – Beratung und Therapie“:
„In solchen Situationen ist es eine therapeutische Pflicht, die psychischen Folgen für die Kinder zu nennen. Bekämpfen sich getrennt lebende Eltern nach mehr als zwei Jahren immer noch, ist die seelische Gesundheit der Kinder gefährdet. Meist schaffen die Kinder zwar, die zwei Elternwelten zu trennen und die Konflikte zwischen den Eltern nicht anzuheizen, aber sie leiden, weil sie nie ganz offen bei einem Elternteil über die jeweils andere Welt reden können.“
Was Kinder in Patchworkfamilien wirklich brauchen
In meiner Praxis erlebe ich solche Fälle. Kinder, die sich nicht mehr trauen auszusprechen, was sie wirklich denken und wollen. Deren Blicke immer überprüfen, ob das, was sie sagen, einen Elternteil verletzt oder Auswirkungen auf ihre Geschwister hat. Sie übernehmen die Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Eltern – eigentlich sollte es umgekehrt sein. Diese Verantwortung wiegt schwer. Sie ist schon bei „normalen“ Unstimmigkeiten über Betreuungsmodelle und Erziehungsansichten eine Last auf den Schultern der Kinder.
Streiten die Eltern unentwegt, ziehen sich gerade die jüngeren förmlich in sich zurück — und ich möchte explizit erwähnen, dass es für einen solchen „Krieg“ nicht laut zugehen muss. Kinder werden in strittigen Trennungsprozessen sprachlos, wenn es um ihre familiäre Situation geht. Auch wenn sie sich ansonsten vielleicht sehr laut verhalten. Dann dauert es oft lange, bis sie Vertrauen in den Beratungsprozess gewinnen — denn vorrangig müssen sie ihren Eltern vertrauen können, um sich wieder zu öffnen.
Manchmal ist es dann auch für Fachleute schwierig, den Menschen hinter der Elternrolle in seiner Not zu sehen. Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und langjähriger Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE Hamburg, sagt im Elterngespräch-Podcast „Depressionen bei Kindern“:
„Das ist der einzige Fall in meinem Fach, wo ich mit Eltern moralisierend werde und wo ich auch sehr grantig werde und Eltern sage, sie haben die Verantwortung und die Pflicht, für mehr Frieden zu sorgen.“
Wenn Kinder zu Botschafter*Innen werden
In meiner Patchworkfamiliengruppe erlebe ich das regelmäßig. Meist kommen die „neuen“ Bonusfamilienmitglieder dorthin und erhoffen sich Hilfe. Und sie erzählen. Von Ex-Partner*Innen, die immer wieder in die neue Familie hineinregieren. Von Kindern, die nach dem Wochenende ausgefragt werden und durch schlechte Stimmung bestraft werden, wenn der Aufenthalt beim anderen Elternteil schön war — und sie das nicht verbergen konnten.
Ein Beispiel, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Ein kleines Mädchen freut sich sichtlich über das neue Hochbett, das Papa und seine Partnerin für sie gebaut haben. Eine Woche später kommt sie zurück — sehr ernst — und sagt: „Das ist gefährlich. Man sollte Kinder nicht in Hochbetten schlafen lassen. Die Unfallgefahr ist in meinem Alter noch viel zu hoch. Ich möchte bitte, dass die Matratze auf den Boden gelegt wird.“
Kinder werden mit Aufträgen losgeschickt, die es den neuen Familienmitgliedern schwer machen, sie vorbehaltlos zu empfangen. Und das Tragische daran: Die neue Partnerperson kann dieses Problem nicht lösen. Das können nur die Eltern selbst. Wenn sich hier jemand verweigert, wird es schwer für alle — besonders für die Kinder. Auch wir als TherapeutInnen und BeraterInnen können nur dort zur Seite stehen, wo ein echter Auftrag dafür da ist. Wir können nur Menschen beraten, die bereit sind hinzuschauen.
Trennung gut gestalten — für die ganze Patchworkfamilie
Viele Eltern raufen sich, Gott sei Dank, zusammen, wenn sie die Not ihrer Kinder sehen lernen. Sie erkennen ihr Zutun und spüren, dass es dem Wohl ihrer Kinder dient, sich auf Beratungen einzulassen. Für viele ist im therapeutischen Prozess wichtig, dass nicht die ganze Beziehungsgeschichte aufgerollt werden muss. Es gilt „nur“ das zu klären, was heute noch schmerzt.
„Willst du Recht haben oder glücklich sein?
Beides geht nicht.“
Marshall B. Rosenberg
Im besten Fall dürfen die Kinder danach in der Welt ihrer Mutter und ihres Vaters ankommen — und ihren Platz finden. Ihr Leben leben. Und ihre Eltern haben eine gute Kommunikationsweise gefunden, um alles Notwendige zu klären und die ehemalige Partnerperson in ihrer Elternrolle zu respektieren.
Das System der alten Kernfamilie bleibt also in der Patchworkfamilie wirksam – im Guten wie im Schlechten, da beißt die Maus keinen Faden ab! Unser Herzblatt und auch wir selbst – je nachdem ob einfache oder komplexe Bonusfamilie – bleiben für immer die Eltern unserer Kinder. Unsere ehemaligen Partner*Innen bleiben als elterliches Gegenstück in unserem Leben. Ob das nun gut oder schlecht ist, entscheidet unser Umgang miteinander. Um diesen miteinander zu finden, ist es eine gute Idee, sich Hilfe zu holen!
Meldet euch gerne bei mir, wenn ihr euch für euch und eure Patchworkfamilie Beratung wünscht.
Herzlichst Claudia
Kernfamilie = „Psycho-Jargon“ für normale Familie – aber was ist schon normal? Gemeint ist die Familie, die wir als erste gründen, also nachdem wir das Nest unserer Herkunftsfamilie verlassen haben, eine Partnerperson finden und Kinder bekommen.
Patchworkfamilien werden wie folgt benannt:
Einfache Stieffamilien: a. Stiefmutterfamilien — biologisches Elternschaftsverhältnis nur zwischen Kind/Kindern und männlichem Elternteil b. Stiefvaterfamilien — biologisches Elternschaftsverhältnis besteht nur zwischen Kind/Kindern und weiblichem Elternteil
Zusammengesetzte Stieffamilien: Beide Erwachsenen bringen Kinder aus früheren Beziehungen mit, die im gemeinsamen Haushalt leben, haben jedoch keine gemeinsamen Kinder.
Komplexe Stieffamilien = Patchworkfamilien: Familien, in denen sowohl gemeinsame Kinder als auch Kinder aus früheren Partnerschaften im Haushalt leben.