Das kann doch nicht so schwer sein!
Der Zusammenzug einer Patchworkfamilie ist einer der unterschätzten Momente in der Gründung einer Bonusfamilie. Man liebt sich, man will gemeinsam leben — und plötzlich stellt sich heraus, dass fast nichts davon einfach so geht. Denn anders als bei zwei Menschen, die zusammenziehen, bringt hier jeder eine ganze Lebenswelt mit: Gewohnheiten, Rituale, Möbel und vor allem Kinder.
Gerhard Bliersbach beschreibt das in seinem Buch Mit Kind und Kegel mit einem Vergleich:
„Sind Sie schon einmal mit einem befreundeten Paar in einen gemeinsamen Campingurlaub gefahren? In einem Fahrzeug mit einem Wohnwagen-Anhänger? Da treffen auf wenigen Quadratmetern zwei Lebenskulturen zusammen. Das eine Paar ist in dem rollenden Zuhause zu Hause, das andere nicht. Der Platz zur Entfaltung der eigenen Kultur — wo die Dinge in etwa ihren Platz bekommen können — ist meistens knapp; er ist deshalb auch kaum zu verhandeln; es hängt von der Großzügigkeit des Gastgeberpaares ab. Also muss das befreundete Paar sich mit dem Platz, der ihm zugestanden wird, arrangieren. Natürlich wurde das vor dem Urlaub besprochen, die Zahl der Gepäckstücke und der Umfang der Ausrüstungen festgelegt, aber wie oft reicht auch hier die Vorstellungskraft nicht aus, um die spätere Lebenswirklichkeit eines Urlaubs in engen Räumlichkeiten zu imaginieren. Die beiden Freundespaare — man kann es ihnen nur wünschen — sind hoffentlich gut befreundet, so gut, dass sie sich über ihre möglichen Platzprobleme zu sprechen trauen.“
Was dieser Vergleich für den Zusammenzug bedeutet
In der Patchworkfamilie ist es ähnlich — und doch anders. Denn hier geht es nicht um einen Urlaub mit festem Enddatum, sondern um ein gemeinsames Leben.
Dieser Vergleich trifft vieles, worauf es beim Zusammenzug einer Patchworkfamilie wirklich ankommt: Offenheit, Wohlwollen, Kommunikation, Verhandlungsbereitschaft, Empathie, Selbstreflexion. Und das bei allen Beteiligten. Klingt viel. Ist es auch.
Wohnort in der Patchworkfamilie — wer entscheidet?
Wer bestimmt den Wohnort und die Lebenswirklichkeit der Patchworkfamilie? Im besten Fall wägen alle Beteiligten die Bedürfnisse aller ab.
Nimmt man die Kinder in den Blick, zählen zum Beispiel folgende Faktoren: kleine Entfernung zwischen den Elternteilen, kein Verlust von Freundschaften, kein Schulwechsel, betreuende Großeltern in der Nähe.
Aber auch die Lebensbereiche der Erwachsenen sind wichtig: Job, Wohneigentum, Pflege der eigenen Eltern.
Nehmen wir den wahrscheinlich zunächst am wenigsten konfliktreichen Fall: Die Eltern entscheiden, dass die Kinder auf ihre vertraute Umwelt nicht verzichten müssen. Dann muss die oder der Neue sich in die alte Umwelt der aufgelösten Kernfamilie einfügen. Damit betritt das neue Bonusfamilienmitglied fremdes, aber für den Elternteil und die Kinder vertrautes Terrain. Schwierige Zeiten der Orientierung und der immer wieder erforderlichen Abstimmungen sind die Folge.
Wo ist mein Platz in der Patchworkfamilie?
Als Gast kann man seine Gastgeber fragen, welchen Platz am Tisch sie für einen vorgesehen haben. Manchmal wird es einem mit den Worten leicht gemacht: „Fühl dich wie zu Hause.“ Das ist freundlich gemeint — und doch fühlt man sich deshalb in einer fremden Umgebung noch lange nicht wie zu Hause.
Auch jeder, der schon einmal zu einer Partnerin oder einem Partner in die Wohnung gezogen ist, weiß, dass auch das nicht einfach ist. Die meisten von uns versuchen, sich die Räume zu eigen zu machen, indem sie renovieren, eigene Möbel mitbringen und vorhandene an neue Plätze rücken. Muss man sich nur mit dem Herzblatt abstimmen, können diese Maßnahmen helfen. Und dennoch weiß man: Wer zuletzt ins Nest kam, fliegt zuerst wieder raus.
Zu Gast im eigenen Zuhause
In einer Patchworkfamilie ist es komplexer. Darf das Bild des Ex-Partners auf dem Nachttisch des Kindes verbleiben — oder das alte Familienurlaubsfoto im Flur, das die Kinder so sehr lieben?“
Vielleicht sind die Plätze am Esstisch längst fest vergeben und nur der unbeliebteste ist noch frei.
Ich erinnere mich an einen Moment bei unserer Wohnungssuche. Meine damals fünfeinhalb Jahre alte Bonustochter erklärte mir ganz sachlich, dass sie sich am liebsten wünschen würde, dass Papa und Mama wieder zusammenziehen. Ich schluckte. Zwei Sätze später hatte sie das Problem allerdings bereits für uns gelöst: Ich könnte ja ihre Schwester sein — und dann einfach mit ihr in ihr neues Zimmer ziehen.
Ich war erleichtert, geehrt und amüsiert. Denn zum einen durfte ich mit einziehen, zum anderen suchte die Kleine schon ganz von selbst für alle, die zu ihrem Leben gehörten, einen guten Platz!
Am Ende kommt es darauf an, ob alle bereit sind, dem neuen Familienmitglied einen Platz einzuräumen. Oder im besten Fall: alles gemeinsam neu zu verhandeln. Das kostet Zeit und Mut. Aber genau darin liegt die Chance: Was neu und gut verhandelt wird, gehört am Ende allen.