In der ZEIT ist ein größerer Artikel darüber erschienen, wie Bonuselternschaft gelingen kann – und warum sie oft viel herausfordernder ist, als es von außen wirkt. Für den Beitrag wurden verschiedene fachliche Perspektiven zusammengetragen. Mein Teil darin beschäftigt sich mit einem Gefühl, das mir in der Beratung immer wieder begegnet: dem schmerzhaften Erleben, nicht wirklich dazuzugehören.
Hier ist mein Beitrag zum Thema:
Ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen. Was hilft?
Das Problem:
Viele Bonuseltern reagieren in bestimmten Situationen heftiger negativ, als sie selbst erwartet hätten. Sie fühlen sich verletzt, ausgeschlossen oder übergangen und fragen sich anschließend, warum sie das so mitnimmt. Aus Scham behalten viele diese Gefühle für sich.
Der Rat:
In der Beratung höre ich Sätze wie: „Ich bin überflüssig.“ „Ich stehe daneben.“ Oder: „Ich funktioniere in dieser Familie, aber ich gehöre nicht wirklich dazu.“ Hinter dem, was von außen als Eifersucht erscheint, erlebe ich deshalb häufig weniger einen offenen Kampf um Aufmerksamkeit als ein schmerzhaftes Gefühl von Nichtzugehörigkeit.
Mein erster praktischer Rat ist deshalb unspektakulär: Gib dem Gefühl eine Adresse, bevor du darauf reagierst. Wem gilt es gerade wirklich? Dem Kind, das am Telefon mit seiner Mutter aufblüht? Der Ex-Partnerin, die schon wieder anruft? Deinem Partner oder deiner Partnerin, die nicht bemerkt, was gerade in dir vorgeht?
Sehr häufig richtet sich das Gefühl vordergründig gegen das Kind oder die Ex-Partnerperson, während es im Kern um die eigene Paarbeziehung geht. Eigentlich lautet die Botschaft: „Ich weiß gerade nicht, welchen Platz ich bei dir und in dieser Familie habe.“
Bonusmütter und Bonusväter berichten mir oft, dass ihre negative Reaktion deutlich stärker ist, als es der konkrete Anlass vermuten lässt. Eigentlich wissen sie: „Es war doch nur ein Telefonat mit der Mutter der Kinder.“ Gerade deshalb schämen sich viele für ihre Gefühle und halten sich für kleinlich, ungerecht oder übertrieben. Wer sich schämt, spricht häufig nicht mehr darüber.
Wenn eine Reaktion deutlich heftiger ist, als der unmittelbare Anlass hergibt, lohnt sich die Frage, ob es noch andere Gründe dafür gibt. Manchmal ist das Gefühl älter. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Konflikt nur aus der eigenen Vergangenheit stammt. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Eine Situation kann tatsächlich verletzend sein – und zusätzlich eine frühere Erfahrung berühren.
Der häufigste Reflex des leiblichen Elternteils ist gut gemeint: Er oder sie versucht, das Gefühl sachlich zu erklären. Dann fallen Sätze wie: „Sie ist nun einmal die Mutter.“ „Das ist doch nicht persönlich gemeint.“ Oder: „Du bildest dir das nur ein.“ Sachlich mag das stimmen. Emotional kommt jedoch oft etwas anderes an: „Dein Gefühl ist falsch.“
Hilfreicher ist deshalb zunächst etwas sehr Einfaches: nicht sofort lösen, nicht relativieren und nicht erklären, sondern wahrnehmen und zuhören. Denn was Bonuseltern auf Dauer zermürbt, ist häufig nicht, dass ein Kind zu seinen leiblichen Eltern eine besondere Bindung hat – denn das darf so sein und muss nicht verändert werden. Zermürbend ist, sich mit dem eigenen Erleben allein zu fühlen.
Wenn dich das Thema interessiert: Mein Beitrag ist Teil eines ausführlicheren ZEIT-Artikels über Bonuselternschaft, in dem mehrere fachliche Perspektiven zusammenkommen.
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